Die neue hessische Landesregierung stellt sich am 12.12.1985 den Fotografen zum Gruppenbild, nachdem der hessische Landtag in Wiesbaden mit den Stimmen von SPD und Grünen der Landesregierung und Ministerpräsident Holger Börner (SPD, 3.v.l.) das Vertrauen ausgesprochen hat. Joschka Fischer (M.) wurde als erster grüner Umwelt- und Energieminister in der Bundesrepublik vereidigt - ganz leger in Turnschuhen. (Archivbild)

Turnschuhgeneration, Details wollten wir unter der Überschrift Turnschuhgeneration für Sie, liebe Leserinnen und Leser, mitteilen. Details zu unseren News mit dem Titel Turnschuhgeneration finden Sie in unserem Artikel..

Turnschuhgeneration


  • Pitt von Bebenburg

    VonPitt von Bebenburg
    schließen

Es gab mal eine Zeit, da galt es als Skandal, dass ein Minister zu seiner Vereidigung im hessischen Landtag Turnschuhe trug.

Joschka Fischer, Grünen-Politiker der ersten Generation, wusste, dass er damit provozieren konnte, also tat er es. Die Schuhe waren für die Grünen ein Symbol des Aufbruchs: Das Parlament sollte kein abgehobener Ort sein, aus dem Anzugträger das Land von oben herab regieren, sondern ein Debattenort, der auf der Höhe der Zeit ist.

Das ist ziemlich lange her, 36 Jahre, um genau zu sein. Es war der 12. Dezember 1985, als der damalige Ministerpräsident Holger Börner (SPD) seinen Vizeregierungschef Fischer vereidigte. Einer, der damals schon dabei war als junger Abgeordneter, ist Volker Bouffier. Der wird am heutigen Samstag 70 Jahre alt und ist Ministerpräsident – während der drei Jahre ältere Fischer sich bald nach seiner Amtszeit als Bundesaußenminister aus der Politik zurückzog, vor 15 Jahren.

Unvorstellbares Bündnis

Damals jedenfalls, 1985, wäre es unvorstellbar gewesen, dass CDU-Abgeordnete in Turnschuhen an Sitzungen des Hohen Hauses teilnehmen. Doch seinerzeit wäre es ja auch unvorstellbar erschienen, dass die CDU zusammen mit den Grünen regiert. Das ist mittlerweile Normalität in Hessen.

Der politische Stil hat sich gewandelt, die Mode auch. Und so kam es, dass Landtagspräsident Boris Rhein (CDU) seinen mit modischen Schuhen im sportlichen Look gekleideten Parteifreund Jörg Michael Müller in dieser Woche freundlich ans Pult bat, „damit wir diese eleganten Turnschuhe mal sehen“. Der Abgeordnete aus Herborn ist zehn Jahre jünger als Bouffier, er hatte wenige Tage zuvor seinen 60. Geburtstag begangen und erhielt nun eine Flasche Riesling aus der Hand des Landtagspräsidenten. Rhein hätte ihm die Flasche an den Platz bringen lassen können, doch er wollte die Schuhe sehen.

Zuruf vom Nach-Nach-Nach-Nachfolger

Der Grünen-Politiker Tarek Al-Wazir, Joschka Fischers Nach-Nach-Nach-Nachfolger im Amt des Vizeministerpräsidenten, amüsierte sich auf der Regierungsbank prächtig über die späte kulturelle Annäherung von Schwarz und Grün. Al-Wazir erinnerte an Fischers Schuhe, worauf Landtagspräsident Rhein erwiderte: „Aber die Schuhe sind schon ein bisschen schicker geworden.“

Mal abwarten, wo sich Jörg Michael Müllers Schuhe in 36 Jahren befinden. Die von Joschka Fischer können im Deutschen Ledermuseum bewundert werden, in Al-Wazirs Heimatstadt Offenbach. Insofern tritt Müller in große Fußstapfen.

Faesers Umzugskisten

Das gilt im politischen Sinne auch für andere. Günter Rudolph war kurz vor Müllers Auftritt zum neuen Fraktionsvorsitzenden der SPD gewählt worden. Das Büro von Vorgängerin Nancy Faeser war aber noch gar nicht ausgeräumt. Sie war so kurzfristig von Olaf Scholz zur Bundesinnenministerin berufen worden, dass ihre Familienfotos und der Ball mit den Autogrammen der Bundesligaspieler von Eintracht Frankfurt noch auf Abholung warteten.

In Sportschuhen hat man Günter Rudolph bisher nicht im Landtag gesehen, wohl aber auf dem Fußballplatz. Er gehört zu den Recken der Landtagself, die wegen Corona allerdings schon seit zwei Jahren keinen Spielbetrieb mehr haben darf. Einer seiner Vorgänger dort: Joschka Fischer. Der schoss einst für die Landtagsmannschaft Tore. Sozialdemokrat Rudolph ist eher für die Verteidigung zuständig. Im politischen Betrieb dagegen hat er etwas mit Fischer und Bouffier gemein: Er ist angriffslustig.

Kommentar