Eine Maus für Versuchszwecke.

Tierversuche sind bei der Bundestagswahl kaum ein Thema, Details wollten wir unter der Überschrift Tierversuche sind bei der Bundestagswahl kaum ein Thema für Sie, liebe Leserinnen und Leser, mitteilen. Details zu unseren News mit dem Titel Tierversuche sind bei der Bundestagswahl kaum ein Thema finden Sie in unserem Artikel..

Tierversuche sind bei der Bundestagswahl kaum ein Thema


  • Petra Zeichner

    VonPetra Zeichner
    schließen

Eine Kampagne im Vorfeld der Bundestagswahl fordert von den Parteien den Ausstieg aus Tierversuchen. In manchen Wahlprogrammen fehlt jedes Wort davon.

Mäuse, denen die Kopfhaut aufgeschnitten wird, Ratten, die in einem Glasbehälter mit Wasser zum Schwimmen gezwungen werden – glaubt man den 15 Tierschutzorganisationen, die die bundesweite Kampagne „Tierversuche abwählen“ unterstützen, so sind solche Versuche archaische Methoden, mit denen Tiere gequält werden – und das völlig ohne Sinn.

„Das Hauptproblem ist die fehlende Übertragbarkeit der Ergebnisse auf den Menschen“, sagt Gaby Neumann, promovierte Veterinärin und Sprecherin der Initiative „Ärzte gegen Tierversuche“. Relevante Unterschiede seien etwa der Körperbau, die Organfunktion, der Stoffwechsel: „Der Mensch ist keine Maus.“ Diese fehlende Übertragbarkeit sei „ein unkalkulierbares Risiko“. Viele Krankheiten von Menschen würden Tiere gar nicht bekommen, so Neumann. Deshalb züchte man sie ihnen an oder die Symptome würden künstlich erzeugt.

Medikamente können sich an Tieren als ungiftig erweisen, bei Menschen aber Nebenwirkungen hervorrufen

Das gleiche Risiko sieht die Tierärztin bei der Entwicklung von Medikamenten – weshalb „Ärzte gegen Tierversuche“ auch eine Menschenschutzorganisation sei. „Bis zu 95 Prozent der Medikamente, die sich in den Tierversuchen als nicht giftig erwiesen haben, fallen in den anschließenden Studien an Menschen durch.“ Sie seien teils wirkungslos oder hätten schwere Nebenwirkungen.

Das will Professor Stefan Treue, Direktor des Deutschen Primatenzentrums und Vorsitzender der Steuerungsgruppe der Informationsinitiative „Tierversuche verstehen“, nicht unkommentiert lassen. In der Initiative haben sich Wissenschafts- und Forschungsorganisationen wie die Humboldt-Stiftung, die Max-Planck-Gesellschaft und die Deutsche Forschungsgemeinschaft zusammengeschlossen. „Jeder Test einer neuen Substanz wird zuerst immer an einer Vielzahl von Modellen gemacht, beispielsweise Computer-, Zell-, Organ- oder Chipmodell, ebenso wie an Tiermodellen“, so Treue. Erst wenn sich daraus keine Giftigkeitshinweise ergeben haben, erfolgen Tests mit Menschen.

Alternativmethoden gibt es bereits, das Unternehmen TissUse forscht dazu

„Vollständige Sicherheit“, gibt Treue zu, „gibt es bei dieser Übertragung der Ergebnisse aus den Vorstudien natürlich nicht.“ So könne es in Ausnahmen zu unerwarteten Nebenwirkungen kommen. Deshalb würden vor dem Einsatz in Patient:innen Studien an gesunden Menschen durchgeführt, um auch vorher nicht erkannte Risiken auszuschließen. „Weil die Patientensicherheit immer Vorrang hat. Eine ungetestete Verwendung neuer Substanzen in Patienten wäre unverantwortlich.“

Mittlerweile gibt es auch Alternativmethoden, die Experimente an Tieren ersetzen oder reduzieren können. Dazu gehören sogenannte Multi-Organ-Chips. Die produziert beispielsweise das Berliner Biotechnologieunternehmen TissUse. Auf einer kleinen Plattform, kaum größer als eine Chipkarte (daher der Name), können Herz, Leber, Niere und andere menschliche Organe künstlich angeordnet werden. Sie sind miteinander über ein Mikrokanal-System verbunden. TissUse hat Biochips mit zwei, drei und vier „Organen“ schon fertig entwickelt. Doch der größte mit zehn bis elf Komponenten existiert derzeit nur als Prototyp. „Es dauert mindestens noch zehn Jahre, aber dann könnten auch diese Chips als validierte Alternative zu Tierversuchen und sogar ersten klinischen Studien zur Verfügung stehen“, sagt Reyk Horland, Geschäftsführer des Unternehmens.

Die Bundesregierung fördert Alternativmethoden, hält aber an Tierversuchen noch fest

Auf solche Alternativen setzen die Tierversuchsgegner:innen große Hoffnungen. „Auf jeden Fall“ gebe es schon jetzt genug andere Möglichkeiten, um Tiere zu schonen, sagt Neumann. „Man kann etwa Zellen aus einem Tumor entnehmen und damit einen Mini-Tumor herstellen und daran Chemotherapien erproben.“ Solche innovativen Methoden müssten viel mehr gefördert werden als „die mittelalterlichen Tierversuche“. Doch der Tierschutzbericht 2019 des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft spricht eine andere Sprache: „Nach dem derzeitigen Stand der Wissenschaft kann auf Tierversuche – trotz des vermehrten Einsatzes von Alternativmethoden – nicht vollständig verzichtet werden.“

Die Bundesregierung fördert tatsächlich Alternativen zu Tierversuchen. So gibt es das Deutsche Zentrum zum Schutz von Versuchstieren, angesiedelt beim Bundesinstitut für Risikobewertung des Landwirtschaftsministeriums. Das Zentrum erfasst und bewertet Ersatz- und Ergänzungsmethoden zu Tierversuchen und koordiniert die Förderung dafür – laut Ministerium mit jährlich etwa 1,5 Millionen Euro. Dann sind da etwa 400 000 Euro jährlich Forschungsförderung durch das Bundesinstitut für Risikobewertung. Die Unterstützung der Stiftung zur Förderung der Erforschung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zur Einschränkung von Tierversuchen beläuft sich auf 100 000 Euro. Das Ministerium lobt außerdem jährlich einen Tierschutzforschungspreis für Alternativmethoden aus, dotiert mit 25 000 Euro.

Wie viel Geld für die tierexperimentelle Forschung ausgegeben wird, verrät die Bundesregierung nicht

Auch das Bundesforschungsministerium trägt seinen Teil bei: Seit Beginn der Förderung der entsprechenden Forschung im Jahr 1980 habe man „rund 620 Projekte mit einer Summe von insgesamt rund 200 Millionen Euro“ gefördert, heißt es dazu.

Aber Angaben, wie viel der Bund ausgibt, um die Forschung mit Tierversuchen zu fördern, gibt es nicht. „Eine Darstellung der Mittel, die laut Bundeshaushalt speziell für tierexperimentelle Forschung zur Verfügung standen, ist nicht möglich“, so das Forschungsministerium auf Nachfrage der FR. Die „Ärzte gegen Tierversuche“ schätzen, dass 99 Prozent der staatlichen Mittel für Tierversuche seien, für Alternativmethoden blieben das eine Prozent. Da die Initiative aber auch keine exakten Zahlen genannt bekommt, recherchiere sie „regelmäßig in Veröffentlichungen“, so Neumann.

Die Linke fordert einen „verbindlichen Ausstiegsplan“ aus den Tierversuchen

Ist der Ausstieg aus den Tierversuchen in Sicht? „Schnellstmöglich auf das absolut notwendige Maß“ wolle man sie beschränken, heißt es beim Bundeslandwirtschaftsministerium, eine Terminierung gibt es nicht; man müsse sich am Stand der Wissenschaft und Forschung orientieren. In den Wahlprogrammen von Union, FDP und AfD taucht das Thema nicht auf.

Die SPD will immerhin „den perspektivischen Ausstieg aus den Tierversuchen“ und die „Entwicklung von tierversuchsfreien Verfahren stärker fördern“. „Eine klare Ausstiegsstrategie“ fordern die Grünen und wollen Tierversuche mit „innovativen Forschungsmethoden schnellstmöglich ersetzen“. Dafür soll auch die Zulassung tierversuchsfreier Verfahren beschleunigt werden. Die Linke will „einen verbindlichen Ausstiegsplan“ mit festen Terminen. Tierversuche der Intensität „schwerst“ und „schwer“ sollen sofort verboten werden. Um Forschungsstandorte langfristig zu sichern, sollen Steuern nur noch in tierfreie Methoden fließen.

Rechtliche Grundlagen

In Deutschland legen unter anderem das Tierschutzgesetz und die Tierschutz-Versuchstierverordnung den Rahmen für Tierversuche fest.

Tierschutzgesetz: Definiert sind Tierversuche als Eingriffe, die „mit Schmerzen, Leiden oder Schäden für diese Tiere verbunden sein können“. Sie sind unter anderem erlaubt für die Grundlagenforschung, die Arznei-, Lebens- und Futtermittelentwicklung sowie für die Aus-, Fort- oder Weiterbildung. Auch ob bestimmte chemische Stoffe giftig für die Umwelt, den Menschen oder Tiere sind, wird so erforscht. Insgesamt sind Tierversuche „auf das unerlässliche Maß zu beschränken“. Verboten sind Experimente, um Kosmetika, Waschmittel, Waffen oder Munition herzustellen.

Versuchstierverordnung: Hier stehen weitere Details zur Umsetzung des Tierschutzgesetzes, etwa zur Haltung von Versuchstieren und zum Ablauf der Experimente. So sollen Wirbeltiere und Kopffüßer nur „unter Betäubung oder sonst nur unter größtmöglicher Vermeidung von Schmerzen und Leiden getötet werden“ dürfen; schmerzlindernde Mittel sind Pflicht. pz

Bir cevap yazın