Álfheiður Erla Guðmundsdóttir (Desirée) und Mandla Mndebele (Joe Coltello)

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Otello-Remake-Oper in Dortmund: Partitur im Abgrund

Otello-Remake-Oper in Dortmund: Partitur im Abgrund

In Dortmund ist die Oper „Der Hetzer“ mit Musik von Bernhard Lang zu sehen. Er überschreibt Verdis „Otello“ nach dem gleichnamigen Shakespeare-Drama.

Álfheiður Erla Guðmundsdóttir (Desirée) und Mandla Mndebele (Joe Coltello)

Álfheiður Erla Guðmundsdóttir (Desirée) und Mandla Mndebele (Joe Coltello) auf der Bühne Foto: Thomas Jauck

Philipp Armbruster, Dirigent der Dortmunder Philharmoniker, steht vor einem leeren Orchestergraben. Das bleibt so während der gesamten Uraufführung von „Der Hetzer“. Weil die Oper ursprünglich für diesen März angesetzt war, sind coronabedingt Chor und Orchester vorher aufgenommen worden und schallen jetzt als Konserve aus den Boxen. Das Ensemble singt dazu live auf der Bühne.

Die Oper ist eine Überschreibung von Verdis „Otello“, beziehungsweise dem gleichnamigen Shakespeare-Drama. Damit will die Oper Dortmund den alten Stoff für die heutige Zeit adaptieren. Das Stück hält sich weitgehend an die Handlung, ändert aber die Namen: Aus Otello wird Joe Coltello, ein Schwarzer Hauptkommissar.

Der Intrigant Jago heißt in dieser Oper Jack Natas. Er kann es nicht verputzen, dass ein Schwarzer schneller Karriere macht als er selbst und treibt Coltello durch fiese Spielchen in den Wahnsinn. Wie der personifizierte Teufel stolziert er auf der Bühne in roten Stöckelschuhen, Lackkorsett und Zylinder umher (Kostüm: Hedda Ladwig) und stiftet, wo er:­sie nur hinkommt, Unheil an.

Für einen Countertenor

Anders als in der Vorlage ist er die Hauptperson, der „Hetzer“. Die Rolle ist komponiert für einen Countertenor, was für eine moderne Oper ungewöhnlich ist. Jack zählt damit zu einer Minderheit genau wie der Mann, den er zerstören will. David DQ Lee gibt einen perfide-penetranten Bösewicht und meistert die schwierigen Intervallsprünge in seinen Arien, die immer wieder an Purcells berühmten „Cold Song“ erinnern.

Die Musik von Bernhard Lang orientiert sich stark an Verdi, klingt aber insgesamt viel kleinteiliger. Der Komponist hat viel Erfahrung mit dem Überschreiben von Musik: Er hat nicht nur Wagners „Parsifal“ und eine Bruckner-Sinfonie überschrieben, sondern auch eine 40-teilige Überschreibungsserie komponiert. Lang arbeitet wie ein Maler, der über ein schon vorhandenes Bild malt. Er trägt mal mit dickem Pinsel und kräftigem Strich, mal ganz zart und fein, neue Schichten auf: Akkorde, komplizierte Schlagzeugrhythmen oder eine andere Besetzung.

Die Vorlage scheint aber immer durch das Neue hindurch. In „Der Hetzer“ sind Arien und Zwischenspiele deutlich kürzer als bei Giuseppe Verdi. Die Harmonik folgt größtenteils dem Original, allerdings hat Lang oft Dissonanzen und Reibungen mit eingebaut.

Zermürbende Loops

Ein weiteres Stilmittel sind Loops: Einzelne Klangfiguren, Phrasen und Liedzeilen werden ständig wiederholt und zermürben so langsam, aber sicher Coltellos Verstand. Anders als man es vermuten könnte, klingen diese Wiederholungen immer sehr ähnlich. Es wird nicht versucht, jede Wiederholung anders klingen zu lassen. Das ist gewollt. Denn es ist ja auch die immer gleiche Dauerschleife von Jacks schlechtem Zureden, die am Ende zu einem tödlichen Resultat führt.

Die Oper spielt aber auch mit musikalischen Gegensätzen: Wenn Coltello seine Frau Desirée aus Eifersucht ermorden will, weil Jack ihn davon überzeugt hat, dass sie ihn mit seinem Kollegen und Ex-Junkie Kessler betrügt, begleitet die Hassszene ein verräterisch weicher Streicherteppich. Am krassesten ist der Bruch aber in eingeschobenen Szenen, in denen Doppelgänger von Jack und Coltello auftreten.

Sie performen Deutschrap. Die Texte stammen aus einer Kooperation der Oper mit dem Planerladen e. V. in der Dortmunder Nordstadt: In einer Schreibwerkstatt haben 16 Jugendliche Texte zu den Themen der Oper wie Hass, Eifersucht oder Manipulation verfasst. Auf deren Basis haben die Dortmunder Rapper IndiRekt und S.Castro zu Beats des Komponisten ihre Lines geschrieben. Diese eingeschobenen Teile sollen bei jeder Aufführung in einer anderen Stadt neu entstehen.

Das Böse steckt in Jack

Und das ist ironischerweise das Aktuellste an dieser Oper. Die Rapper sprechen nicht nur von der Bundestagswahl, die am Sonntagabend gerade stattgefunden hat, sondern auch davon, dass das Böse nicht nur in Jack steckt: „Der Hetzer steckt in euren Reihen. Sag mir, wann du handeln willst.“ Diese Ebene fehlt im sonstigen Libretto und in der Regie (Kai Anne Schuhmacher). Der Hetzer ist eben nicht nur Jack, sondern auch das System, das in sich selbst rassistisch und misogyn ist.

Das System der Mehrheitsgesellschaft in unserem Land. Schwarzsein wird in dieser Oper immer als etwas Fremdes, Andersartiges behandelt und reproduziert damit gängige Stereotype. Dass Coltello selbst ein Geflüchteter ist, wird zwar angedeutet, beispielsweise in der Sturmszene am Anfang der Oper, aber nicht weiter thematisiert.

Altbackenes Frauenbild

Hier wäre mehr Distanz zum Gegenstand wünschenswert gewesen – über die Umbenennung der Figuren hinaus. Auch das Frauenbild wirkt nicht zeitgemäß: Desirée wird von Coltello als Nutte und Hure beschimpft. Sie liegt ihm buchstäblich zu Füßen oder wird auf den Boden gestoßen und singt selbst danach noch über ihren Ehemann: „He was born for glory, I was born for love.“

Am Ende der Oper verlangt Coltello Transparenz: „Sprecht von mir, wie ich bin.“ Sein Schlussplädoyer singt er auf Deutsch, Italienisch und Englisch. Dazu hält er die Partitur von „Otello“ in den Händen und schleudert sie am Ende in den Abgrund. Ein vieldeutiges Zeichen, das auch den gängigen Kanon infrage stellt.

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