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Kuba – der Fall Lavastida: „Da wartet ein Taxi auf Sie“

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Kuba – der Fall Lavastida: „Da wartet ein Taxi auf Sie“

Kuba – der Fall Lavastida: „Da wartet ein Taxi auf Sie“

Von Berlin in den Knast. Der kubanische Künstler Hamlet Lavastida spricht über seine Inhaftierung und Ausweisung aus Kuba.

Porträt des Künstlers auf der Straße vor der Botschaft

Hamlet Lavastida, Künstler und Dissident, vor der kubanischen Botschaft in Berlin, Januar 2022 Foto: Doro Zinn

Der Künstler Hamlet Lavastida gilt den kubanischen Behörden als Aufwiegler und Unruhestifter. Als jemand, der sich für die Demokratisierung Kubas einsetzt. Nach dreimonatiger Haft auf Kuba wurde der Künstler letzten Herbst zusammen mit seiner Partnerin Katherine Bisquet nach Polen abgeschoben und lebt heute im Exil in Berlin.

taz am wochenende: Herr Lavastida, wo steht das kubanische Regime heute?

im Interview:

Zur Person

Hamlet Lavastida geboren 1983 in Havanna, studierte Kunst in Kuba. Mit Plakaten, Drucken, Collagen, Fotos und Videos hinterfragt er die staats­politischen Praktiken in Kubas Geschichte bis heute. Nachdem er im September 2021 ins Zwangsexil geschickt wurde, lebt und arbeitet der Künstler aktuell in Berlin.

Hamlet Lavastida: Kuba teilt das Problem aller sozialistischen Revolutionen. Sie wollten eine Gesellschaft errichten, mit neuen Idealen. Den neuen Menschen schaffen, wie in den sozialistischen Ländern in Europa im 20. Jahrhundert auch. Um den neuen Menschen zu schaffen, müssen Sie auch eine neue Vorstellung von Geschichte entwickeln. Neue Städte, neue Gesellschaften, eine ganz neue Geografie entwerfen. Kuba ist da kein Sonderfall, eher sehr europäisch. Schließlich war es fünf Jahrhunderte lang die reichste und wohlhabendste Provinz Spaniens, nicht einfach eine Kolonie. Das ist Teil unseres historischen Erbes.

Was folgern Sie daraus?

Den Kubanern wird von der kommunistischen Regierung eine andere Realität und Erinnerungskultur aufgezwungen. Zu Beginn war die kubanische Revolution gar nicht kommunistisch, eher radikaldemokratisch. Doch dann begannen sie eine andere Realität vorzutäuschen und mit ihr auch Geschichte und Erinnerung zu verfälschen.

Sie beziehen sich in Ihrem Werk darauf?

Für meine Ausstellung „Cultura Profiláctica“ im Bethanien in Berlin hatte ich ein Archiv verschiedener ikonografischer und sprachlicher Zeugnisse aus der Zeit der Institutionalisierung des Sozialismus zusammengetragen. Vor allem aus den 1960er bis 1980er Jahren Kubas, die ich in einer Wandinstallationen zeigte. Es war eine persönliche Auseinandersetzung mit der kulturellen Geschichte der kubanischen Gesellschaft.

Bei Ihrer Rückkehr wurden Sie dann in Kuba verhaftet. Wie lief das ab?

Nachdem Ausstellung und Stipendium am Bethanien beendet waren, reiste ich im Juni zurück nach Havanna. Ich hielt mich an die Bestimmungen und begab mich in ein Quarantänezentrum, da für uns Kubaner die Alternative in einem Hotel zumeist unbezahlbar ist. Ich war dort mit vielen Menschen mehrere Tage einquartiert. Die Zimmer haben nicht mal Türen.

Ein Mann in schwarzer Jacke steht vor einem kahlen Baum

Foto: Doro Zinn

Was geschah dann?

Die Menschen, auch die, die nach mir auf die Etage kamen, erhielten nach fünf Tagen ihr negatives Testergebnis und konnten gehen. Nur ich wartete immer noch. Ich war sehr besorgt. Ich fragte mich, ob das Gesundheitswesen hier mit dem Staatssicherheitsapparat kollaborierte. Mich befiel die allgegenwärtige kubanische Angst, dass etwas nicht stimmen könnte. Um neun Uhr morgens sah ich eines Tages dann ein Auto der Staatssicherheit vorfahren. Ein ziviles Fahrzeug, aber wenn du aus Kuba bist, hast du ein Gespür dafür. Geheimpolizei, die die Ordnung im Land aufrechterhält und die kommunistische Partei schützt, ähnlich der bis 1990 existierenden Securitate des Ceaușescu-Regimes in Rumänien.

Was ging Ihnen da durch den Kopf?

Ich rief meine Freundin Katherine Bisquet an und sagte: Sie kommen mich holen! Ich schicke dir Bilder von den Kerlen, die mich abholen, für den Fall, dass ich nicht wieder auftauche. Dann kam ein Arzt zu mir und sagte: „Wie fühlen Sie sich; geht es uns gut?“ Ich hatte ja immer noch kein Testergebnis. Der Arzt sagte dann: „Gehen Sie. Da wartet ein Taxi auf Sie.“ Ich nahm meinen Koffer und war sehr nervös. Es war klar, dass ich unten verhaftet würde.

Wie kam Ihnen das vor?

In dem Moment denkst du: Mir bleiben noch 50 Sekunden, um wichtige Dinge zu organisieren. Als Mensch fühlst du dich winzig. Sie tun so, als ob du eine Riesengefahr für die Gesellschaft darstellen würdest. Und Sie sagen aber nur: „Nehmen Sie Ihre Sachen und kommen Sie mit“. Nicht etwa: „Sie sind verhaftet.“ Es ist alles perfekt und geräuschlos organisiert.

Wie ging es weiter?

Sie nahmen mir mein Mobiltelefon ab. Sie setzten mich noch vor Ort in ein leeres Zimmer. Würden sie mich unter Zwang verhören? Ich musste mich ausziehen. Ich forderte eine legale Behandlung und meine Rechte. Sie sagten „Wir müssen erst der Sache nachgehen, bis dahin behalten wir Sie hier“.

Und weiter?

Im Jargon der Staatssicherheit ging es bloß um ein Interview. Aber in Handschellen. Vier Sicherheitspolizisten in Zivil führten mich später zu zwei parkenden Zivilfahrzeugen. Zwei von ihnen stiegen vorne ein, zwei hinten, und mich nahmen sie hinten in die Mitte. Das zweite Auto folgte. Sie befahlen mir, immer geradeaus zu gucken. Schaute ich zur Seite, schlugen sie mir mit ihren Waffen auf meine Knie. Wir fuhren zum Migrationsamt. Dort musste ich meinen Koffer abgeben und zwölf Stunden warten.

Was wollte die Staatssicherheit von Ihnen wissen?

Eine Frau unterhalb des Rangs eines Hauptmanns stellte mir Fragen über meine Freunde, meine Facebook-Kommentare, meine Ansichten, meine Positionen in der Kunst, ohne jegliches erkennbares eigenes Wissen. Auf Kuba, da befindest du dich in einer anderen Realität. Und als Andersdenkender schnell im Gefängnis.

Was wirft man Ihnen konkret vor?

Sie unterstellen mir, ich würde zu Gewalt und zivilem Ungehorsam aufrufen. Ich fragte: Warum halten Sie mich hier fest? Die Antwort: „Weil Sie der Anführer sind! Sie sind der Typ; Sie sind der Ideologe hinter allem!“ Elf Stunden dauerte das erste Verhör. Sie sprachen von einem Ermittlungsverfahren. In Wahrheit befindet man sich inmitten der kubanischen Inquisition.

Auf das Verhör folgte das Gefängnis?

Du fühlst dich wie tot in diesem repressiven Zustand. Die Zelle ist ein Raum von maximal fünfzehn Quadratmetern für drei oder mehr Personen. Sie sagen: „2239 – das ist ab sofort deine Nummer.“ Und diese ersetzt deinen ­Namen. Sie ließen mich im Ungewissen, wie lange ich inhaftiert bliebe und wie es weitergeht. Im Gefängnis bekam ich dann Covid. Mir ging es schlecht.

Wie groß war die Verhaftungswelle im letzten Jahr?

Nach den Massenprotesten begann eine Säuberungswelle. Mehr als 700 Personen sollen deswegen aktuell Gefängnisstrafen drohen. Mich hat man mit meiner Freundin nach Polen ausgewiesen. Sollte ich zurückkehren, drohten sie mir mit dem Gefängnis. Andere schoben sie nach El Salvador ab. Viele, darunter einige Künstler, blieben im Gefängnis, manche befinden sich im Hungerstreik.

Wie geht es jetzt für Sie persönlich weiter?

Ich versuche mich auf meine künstlerische Arbeit zu konzentrieren. Geplant sind zwei Ausstellungen in der Galerie Crone in Berlin und Wien. Ich will diese und meine Teilnahme an der Documenta in Kassel dazu nutzen, um der Situation in Kuba größere Aufmerksamkeit zu verschaffen. Die Menschen müssen begreifen, dass das ­„Buena Vista Social Club“-Feeling auf Kuba längst tot ist. Stattdessen sterben dort Menschen wegen ihres Eintretens für die Freiheit. Wegen ihrer Kritik an dieser brutalen Diktatur, die außer Repression und Misswirtschaft wenig zu bieten hat.

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