Ein Mann mit Bandagen in einem Krankenhaus.

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Krieg in Äthiopien: Der Himmel war voller Rauch

Krieg in Äthiopien: Der Himmel war voller Rauch

Ende Oktober flog Äthiopiens Luftwaffe fast täglich Angriffe auf Mekelle, die Hauptstadt der Region Tigray. Ein Augenzeugenbericht.

Ein Mann mit Bandagen in einem Krankenhaus.

Opfer der Bombardierungen in Mekelle im Ayder-Hospital Foto: Michael G. Bidir

Dieser Text erreichte die taz vor wenigen Tagen aus der nord­äthiopischen Region Tigray. Der Autor, dessen Identität der taz bekannt ist und der anonym bleiben möchte, berichtet darin von den Luftangriffen Äthiopiens Ende Oktober auf Tigrays Hauptstadt Mekelle, die von der aufständischen TPLF (Tigray-Volksbefreiungsfront) kontrolliert wird. Die Rebellen haben seitdem mit einer Großoffensive in Richtung der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba reagiert.

Am frühen Morgen machte ich mich auf den Weg aus Adigrat nach Mekelle, um bei der UN-Agentur IOM ins Internet zu gehen. Es dauerte länger als erwartet, denn das Benzin vom Schwarzmarkt war mit Wasser versetzt und das Auto hatte damit Probleme. Als ich Mekelle erreichte, passierte ich gegen 10.20 Uhr den Fabrikkomplex Mesfin Industrial Engineering (MIE) im Nordwesten der Stadt.

Ich war etwa 200 Meter weiter, als ich hinter mir einen lauten Knall hörte. Mir war klar, dass das ein Luftangriff sein musste, denn zwei Tage vorher hatte es schon einen gegeben. Ich versuchte zunächst weiterzufahren. Ich hörte noch mehrere andere Explosionen; später erfuhr ich, dass das von den Luftabwehrraketen kam.

Die Menschen waren durcheinander, sie liefen in alle Richtungen und wussten nicht, wohin. Ich musste parken und stellte mein Auto an einem Hotel ab. Der Himmel von Mekelle war voller Rauch. Ich dachte erst, dass der Angriff ein Treibstofflager getroffen hat, denn der Rauch war schwarz und kräftig und stieg wellenartig in den Himmel. Ich fragte einen jungen Mann, was getroffen worden sei, er antwortete: „Das Krankenhaus von Mekelle.“ Das beunruhigte mich sehr, ich dachte an die vielen Patienten in der Klinik. Mit anderen rannte ich dorthin.

Zum Glück war das Krankenhaus doch nicht das Ziel, aber manche seiner Gebäude waren getroffen worden. Viele Patienten verließen ihre Krankenzimmer und rannten weg. Die Pflegekräfte versuchten sie zu überreden, zurück in ihre Zimmer zu gehen. Als mir klar wurde, dass der MIE-Industriekomplex das Ziel des Luftangriffs war, holte ich mein Auto und fuhr zum UN-Gebäude.

Die Leute waren sichtlich ängstlich und nervös. Viele sagten: Jetzt müssen wir gehen und kämpfen. Auch im UN-Büro waren die Leute beunruhigt. Sie waren damit beschäftigt, ihre Sachen zusammenzupacken, sie liefen hin und her. Ein Sicherheitsmann aus Somalia vergibt dort die Termine für die Internetnutzung, ich hatte schon früher zwei Mal mit ihm gesprochen. Ich bekam einen Termin für nächste Woche. Ich erfuhr auch ein paar Dinge über den Luftschlag, über die Zerstörung verschiedener Maschinen und einer Lagerhalle für Reifen. Zwei Ingenieure sollen dort getötet und über 20 Menschen verletzt worden sein.

Nachdem die föderalen Regierungsstreitkräfte (Äthiopiens Armee; d. Red.) im Juni geschlagen und aus Tigray vertrieben worden waren, hatte ich neue Gewalt erwartet. Denn ein Berater des Premierministers (Abiy Ahmed; d. Red.) sagte, man könne den Krieg beenden, wenn man zehn Bomben auf jede Stadt in Tigray wirft. Trotzdem schockierte mich der Luftangriff. Die Leute rannten herum und blickten in den Himmel, um zu sehen, ob neue Bomben fallen. Es war der erste Luftangriff seit angem, den ich direkt erlebt habe, ich erinnere mich sonst nur an die Bombardierung von Hawzen 1989, als ich sieben Jahre alt war und die Kampfjets über mein Bergdorf jagten.

Dieser Luftangriff jetzt ist Teil des Völkermordkrieges gegen die Tigrayer. Unsere brutalen Feinde haben mit Eritrea und Somalia zwei afrikanische Länder und mit den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien zwei arabische Länder gegen uns aufgestellt, außerdem neun äthiopische Bundesstaaten und andere unsichtbare Verbündete.

Ich sehe das als Teil des Völkermordes gegen Tigray. Das Ziel des Luftangriffs war eine der wenigen Fabriken, die noch nicht geplündert und kaputt waren, das sollte Tigrays Wirtschaft zerstören.

Ein Mädchen mit notdürftig versorgten Wunden auf einer Matratze auf einem Fußboden

Die Bombadierungen treffen vor allem auch Zivilisten Foto: Michael G. Bidir

Ich glaube, die Angriffe werden die jungen Leute dazu bringen, in den Krieg zu ziehen, denn sie werden sich sagen, dass Sicherheit auch dann nicht garantiert ist, wenn man zu Hause bleibt. Es wird den Kampf der tigrayischen Kräfte gegen die Bundesregierung und ihre Alliierten befeuern.

Wir befinden uns in einer Totalblockade, seit über 100 Tagen kommt keinerlei humanitäre Hilfe zu uns, viele Menschen sterben an Hunger. Die Welt ist ungerecht, wenn man arm ist. Ich beschwere mich nicht darüber, ein Afrikaner zu sein; ich bin stolz, ein Tigrayer zu sein. Aber alle Afrikaner schauen zu, wie wir verhungern, und ihre Münder sind verschlossen. Wer kann Gewalt hören, wenn nicht der Nachbar? Bei uns gibt es ein Sprichwort: Wer absichtlich schläft, hört nicht, wenn du ihn zu wecken versuchst.

Bomben oder Hunger, Medikamentenmangel oder Covid-19: Kein Tigrayer weiß, ob er oder sie morgen noch am ­Leben sein wird.

Aus dem Englischen­Dominic Johnson

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