Anfang 2018 sorgte Sturmtief „Friederike“ für große Schäden, hier an der ICE-Trasse zwischen Hannover und Göttingen.

Immer wiederHitzeschock, Details wollten wir unter der Überschrift Immer wiederHitzeschock für Sie, liebe Leserinnen und Leser, mitteilen. Details zu unseren News mit dem Titel Immer wiederHitzeschock finden Sie in unserem Artikel..

Immer wiederHitzeschock

Sollte sich die Erderwärmung ungebremst fortsetzen, wird sich die Menschheit mit immer neuen Rekordtemperaturen konfrontiert sehenVon Hannah Schröer

Das kleine Dorf Lytton hat vor einem Monat tragische Berühmtheit erlangt. Im Westen von Kanada gelegen, schien es undenkbar, was auf den Thermometern als Wahrheit abzulesen war: 49,6 Grad. Ein neuer Rekord für ganz Kanada. Die Wetterlage begünstigte auch massive Waldbrände. Lytton brannte kurz nach dem Hitzerekord fast vollständig ab. Was die Hitzewelle außergewöhnlich machte, war aber nicht nur der Unterschied zu normalen kanadischen Sommertemperaturen – sondern auch der Abstand zum bisherigen Rekord. Der betrug fast fünf Grad.

„Prepare for the unthinkable.“ Bereiten Sie sich auf das Undenkbare vor, warnte der Klimaforscher Erich Fischer von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich jüngst erst auf Twitter. Er wies damit auf eine neue Studie hin, in der er und zwei seiner Kollegen die Wahrscheinlichkeit alle Rekorde „zerschmetternder“ Hitzeereignisse untersuchten. Damit sind solche Fälle gemeint wie in Kanada, wo also der neue Rekord den alten nicht nur leicht übertrifft, sondern ihn gleich mit einem Sprung zurücklässt. Genauer: mit zwei Standardabweichungen oder mehr.

Vor Beginn der Erderhitzung waren solche Anstiege quasi nicht bekannt. Die Studie aus Zürich zeigt nun: Wenn die Konzentration von Kohlendioxid in der Luft weiter ansteigt, tut die Wahrscheinlichkeit solcher rekordzerschmetternden Hitzewellen es ihr gleich. In den vergangenen drei Jahrzehnten lag sie in den gemäßigten Breiten der Nordhalbkugel jedes Jahr bei 4,5 Prozent. Die extreme europäische Hitzewelle im Jahr 2003 war dann eine davon. Zehntausende starben. Hitze belastet den Organismus, kann Krankheiten und Verletzungen hervorrufen, bis hin zum Tod.

Aber wie wird sich das in der Zukunft entwickeln? Im pessimistischsten Szenario, das manche Klimaforscher:innen leider auch für das plausibelste halten, steigt die Wahrscheinlichkeit schon in den Jahren von jetzt bis zur Hälfte des Jahrhunderts auf mehr als ein Fünftel. Und bis 2080 gilt die Münzwurf-Wahrscheinlichkeit: Eine Fifty-Fifty-Chance auf Hitze bislang unbekannten Ausmaßes, jedes Jahr – das ist das Undenkbare, das Fischer meint.

Die Forschenden haben damit die Perspektive verrückt. Um einzuschätzen, wie außergewöhnlich Temperaturen sind, vergleicht man sie oft mit dem Mittelwert einer Referenzperiode – also mit dem, was als bisher normal galt. Die Züricher hingegen vergleichen Rekorde mit dem vorherigen Höchstwert.

Das ist für die Anpassung an den Klimawandel wichtig. Der Katastrophenschutz orientiert sich oft an dem bislang schlimmsten Ereignis. In der Klimakrise funktioniert das nicht. Erfahrungswerte veralten im Handumdrehen. Politik und Verwaltung müssen sich also dem Perspektivwechsel der Wissenschaft anschließen: Kühlender Städtebau, Kühlzentren als Zufluchtsort bei gefährlicher Hitze, erhöhte Feuerwehr-Kapazitäten und noch mehr – alles muss mit Blick auf immer schlimmere Hitze geplant werden.

Außerdem müssen natürlich die Treibhausgasemissionen ein Ende nehmen, damit sich die Erde irgendwann auf einem Temperaturniveau einpegelt. Das extreme Wetter wird dadurch nicht verschwinden, der Planet ist dann schließlich immer noch aufgeheizt – aber dass die Hitze immer neue Rekorde zerschmettert – um bei der Formulierung zu bleiben –, das kommt durch die ständige Aufwärtsbewegung und ihr rasantes Tempo.

Auch jetzt schon ist Hitze tödlich. Klimaforscher:innen haben im Juni schon identifiziert, welchen Anteil die Klimakrise an den bisherigen Hitzetoten hat: 37 Prozent der hitzebedingten Todesfälle aus den vergangenen drei Jahrzehnten sind einer Studie der Uni Bern und der London School of Hygiene & Tropical Medicine nach auf die globale Erwärmung zurückzuführen.

„Wir gehen davon aus, dass der Anteil der hitzebedingten Todesfälle weiter zunimmt, wenn wir nichts gegen den Klimawandel unternehmen oder uns anpassen“, warnt Leitautorin Ana Vicedo-Cabrera von der Uni Bern. „Bis jetzt ist die globale Durchschnittstemperatur lediglich um rund ein Grad gestiegen, das ist ein Bruchteil dessen, was auf uns zukommen könnte, wenn die Emissionen weiter unkontrolliert wachsen.“

Was da kommen kann, haben andere Wissenschaftler:innen sich auch schon 2018 genauer angeguckt – im Auftrag der EU-Kommission. Sie prognostizieren, dass allein auf dem Gebiet der Europäischen Union zu Ende des Jahrhunderts 152 000 Menschen jedes Jahr durch Extremwetterereignisse umkommen werden – fast alle durch Hitze.

Und die Forscher:innen sind dabei noch nicht mal vom pessimistischsten, sondern von einem nur mittleren Emissionsszenario ausgegangen. Was sie dabei nicht einbeziehen: dass die Menschen sich anpassen könnten. Dass also das gelingt, was nach den Ergebnissen der neuen Züricher Studie so schwer klingt: das Leben von Menschen so zu gestalten, dass sie mit dem Knacken undenkbarer Hitzerekorde werden umgehen können.

Anfang Juli brechen im knochentrockenen British Columbia nach Blitzeinschlägen Waldbrände aus. BC Wilfire Service via ABACAPRESS.COM/dpa

+

Anfang Juli brechen im knochentrockenen British Columbia nach Blitzeinschlägen Waldbrände aus. BC Wilfire Service via ABACAPRESS.COM/dpa

Bir cevap yazın