Das RKI meldet täglich die Zahlen zur Pandemie in Deutschland. (Symbolfoto)

Ganz hinten im Regal, Details wollten wir unter der Überschrift Ganz hinten im Regal für Sie, liebe Leserinnen und Leser, mitteilen. Details zu unseren News mit dem Titel Ganz hinten im Regal finden Sie in unserem Artikel..

Ganz hinten im Regal


  • Pitt von Bebenburg

    VonPitt von Bebenburg
    schließen

Hoppla, was steht da zwischen all den alten Verfassungsschutz- und Rechnungshofberichten im Regal des FR-Landtagsbüros? Eine unscheinbare Broschüre ist uns beim Aufräumen zu Jahresbeginn in die Hand gefallen, Din-A-4-Format, 74 Seiten dick. Stand: Februar 2007.

Beim Auftreten eines Virus, „gegen den die Menschen keine speziellen Abwehrkräfte haben, kann es sein, dass innerhalb eines kurzen Zeitraums ein großer Teil der Bevölkerung erkrankt“, heißt es darin. Und: „Die Bewältigung einer Pandemie kann nur gelingen, wenn alle Beteiligten gemeinsame Anstrengungen unternehmen.“ Unterschrieben hat den Text die damalige Sozialministerin Silke Lautenschläger (CDU). Die Landesregierung war also vorbereitet. Oder stand die Broschüre mit dem „Pandemieplan des Landes Hessen“ auch in den Behörden ganz hinten im Regal?

Wie funktioniert die Konferenzschaltung?

Beim Blättern stößt man auf bemerkenswerte Parallelen zur heutigen Zeit. „Sind Konferenzschaltungen (Telefon & Video) möglich?“, wird dort in einer Checkliste für Pressestellen gefragt. Und vor allem: „Wissen Sie, wie die Konferenzschaltung funktioniert?“ Eine sehr berechtigte Frage, wie sich zeigte, als das Coronavirus in Hessen ankam.

Wir haben seinerzeit nicht geahnt, dass der damalige Grünen-Fraktionschef und heutige Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir 15 Jahre später bei einer Pressekonferenz aus dem heimischen Offenbach zugeschaltet würde. Er wirkte am Donnerstag gesund und munter, und das ist nicht selbstverständlich. Al-Wazir ist positiv auf das Coronavirus getestet worden und muss in Quarantäne bleiben. Er hoffe, dass in einigen Monaten ein Ende der Pandemie in Sicht komme, seufzte Al-Wazir – bevor er zum Thema der Pressekonferenz überging, der energieeffizienten Straßenbeleuchtung.

Schon damals: „Social Distancing“

Hätte uns schon 2007 ein Licht aufgehen müssen? Die hessischen Expertinnen und Experten wussten bereits: „Es ist nicht die Frage, ob eine Pandemie auftreten wird, sondern wann sie kommt.“ Auch ein Fachwort, das wir erst viel später kennengelernt haben, ist in der Publikation schon zu finden: „Social Distancing“, hier als „Kontakt-Reduzierung“ übersetzt. Es sollte aber mehr als ein Jahrzehnt dauern, bis wir die Erfahrung am eigenen Leibe machen mussten.

Bemerkenswert an dem alten hessischen Pandemieplan ist zudem die Empfehlung an die Bevölkerung, Mund-Nasen-Schutz zu besorgen, „wovon sich jeder einen Vorrat für Notfälle anlegen sollte“. Hat aber niemand gemacht. Weshalb Masken zu Beginn der Corona-Pandemie knapp waren. Lautenschläger und andere hatten nicht ins Blaue geplant. So hat Hessen 2006 zehn Millionen Euro ausgegeben, um auf eine Welle der Vogelgrippe vorbereitet zu sein. Desinfektionsmittel und Schutzkleidung wurden angeschafft. Drei Jahre später war die Sorge groß, als die Schweinegrippe in Deutschland Einzug hielt. Auch im Bund gab es vorausschauende Überlegungen.

Warnung vor Überlastung

Zum Beispiel in einer „Risikoanalyse“, die 2013 als Bundestags-Drucksache veröffentlicht wurde. Darin warnten die Fachleute drastischer als ihre hessischen Kolleginnen und Kollegen sechs Jahre zuvor vor einer möglichen Überlastung des Gesundheitssystems. Es werde „vor immense Herausforderungen gestellt, die nicht bewältigt werden können“, hieß es in dem Pandemieszenario.

Danach sieht es zumindest nicht aus. Bei allen kontroversen Diskussionen: Trotz der Verbreitung des Coronavirus konnte das Gesundheitswesen bisher standhalten. Vielleicht lag es ja an der Vorbereitung von 2007.

Kommentar