Irmgard Keun ungefähr im Jahr 1932. Archiv

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„Frankfurt liest ein Buch“ widmet sich der Schriftstellerin Irmgard Keun


  • Claus-Jürgen Göpfert

    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Rückkehr einer großen Vergessenen: In Frankfurt wird die Schriftstellerin Irmgard Keun wieder entdeckt, gerade im Schauspiel und bald beim Lesefest „Frankfurt liest ein Buch“

Nie wieder in ihrem Schreiben ist sie so hart, so schneidend, verdichtet ihre Szenen in einem so rasenden, filmischen Tempo. Am 16. März 1936 besuchte Adolf Hitler Frankfurt am Main, nach einer Kundgebung vor einer vieltausendköpfigen Menge in der Festhalle erreichte sein Tross nach 22 Uhr das Opernhaus, dann ließ sich der Führer auf dem Balkon feiern. Irmgard Keun machte diesen Tag zum furiosen Höhepunkt ihres Romans „Nach Mitternacht“, 1937 im Exil-Verlag Querido in Amsterdam erschienen. Die Autorin, 1905 in Berlin geboren, 1936 ins Exil in die Niederlande geflohen, gehörte zu den vielen Schreibenden, die nach dem Ende der nationalsozialistischen Terrorherrschaft nie wieder an ihre Erfolge anknüpfen konnten, sie lebte arm und einsam zeitweise in einer Art Schuppen in Köln, wurde Alkoholikerin und in die Psychiatrie eingewiesen. Jetzt, 40 Jahre nach ihrem Tod, rückt diese große Vergessene und Verdrängte wieder in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Vom 2. bis 15. Mai 2022 wird der Roman „Nach Mitternacht“ im Mittelpunkt des Literaturfestivals „Frankfurt liest ein Buch“ stehen. Schon jetzt zeigt Schauspiel Frankfurt die Dramatisierung des Buchs, in der Regie und für die Bühne bearbeitet von Barbara Bürk.

Diese Duplizität sei ein Zufall, sagt Sabine Baumann, Vorsitzende des Vereins „Frankfurt liest ein Buch“. Sie und Schauspielintendant Anselm Weber wussten nichts von den Plänen des jeweils anderen. Weber präsentiert in seinem Spielplan ganz bewusst Stücke, in denen die Menschen in einer existenziellen Situation am Scheideweg stehen. Das gilt etwa für „Öl“ nach dem Roman von Upton Sinclair aus dem Jahr 1927: Der Sohn eines Ölmagnaten muss entscheiden, ob er in die Fußstapfen seines Vaters tritt oder aber für die Rechte der Ölarbeiter kämpft. In Keuns Roman stehen die Menschen in Frankfurt am Main Mitte der 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts vor der Frage, wie sie sich angesichts der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft verhalten. Ist Anpassung die Rettung oder ist Widerstand möglich? Oder führt der Weg unweigerlich in die Emigration? Sabine Baumann, auch Cheflektorin des Schöffling-Verlags in Frankfurt, sieht heute ebenfalls die Menschen mit dramatischen Veränderungen konfrontiert, die sie herausfordern: „Wir leben in einer Zeit mit großen Umbrüchen.“ Keuns Text also besitze enorme Aktualität.

Irmgard Keun schöpfte in „Nach Mitternacht“ aus eigenem Erleben. Von der Machtergreifung der Nazis Ende Januar 1933 bis zur Emigration 1936 erfuhr sie den Alltag in Nazideutschland. 1935 lebte sie für einige Monate in Frankfurt am Main. In all diesen Jahren arbeitete sie bereits am Romanstoff. Bewusst entschied sie sich, nicht in ein historisches Geschehen auszuweichen, sondern darzustellen, was die Nazidiktatur mit den Menschen macht. Drei in Wahrheit zeitlich getrennte Ereignisse fasste sie in ihrem Roman zusammen: die antijüdischen Rassegesetze von 1935, die Besetzung des entmilitarisierten Rheinlands durch deutsche Truppen am 7. März 1936 und die Reichstagswahlen vom 29. März 1936. Die Lesenden erfahren den Alltag im nationalsozialistischen Frankfurt durch die Augen und Ohren einer vermeintlich naiven Icherzählerin. Das ist die junge Sanna, die sich mit ihrer Freundin Gerti durch das Leben treiben lässt, durch Cafés und Kneipen, auch solche, vor denen noch nicht das Schild „Juden unerwünscht“ steht. Vom „Esplanade“ aus erlebt sie den spätabendlichen Auftritt des Führers auf dem Opernplatz. Der scheinbar unkritisch-affirmative Blick der jungen Frau erlaubt Keun Passagen von bitterer Ironie: „Der Führer gibt doch schon allein sein ganzes Leben hin, für sein Volk photographiert zu werden. Man stelle sich nur so eine ungeheure Leistung vor: ununterbrochen sich photographieren zu lassen mit Kindern und Lieblingshunden, im Freien und in Zimmern immerzu. Und außerdem ständig mit Flugzeugen zu fahren und in langen Wagneropern sitzen, weil das deutsche Kunst ist, für die er sich auch opfert.“

Doch schon der Hitler-Auftritt endet tragisch und makaber. Das Bertchen, ein kleines Mädchen, seit Tagen gnadenlos als „Jubelkind“ trainiert, um dem Führer einen Blumenstrauß zu überreichen und ein Gedicht aufzusagen, stirbt am Ende vor Aufregung, ohne überhaupt in die Nähe Hitlers gelangt zu sein. Von da an erhöht Keun im Schreiben das Tempo immer weiter, zieht die Lesenden in einen Strudel der Ereignisse. „Aber ich will schreiben wie im Film, denn so ist mein Leben“, das gab sie einmal in einem Brief als ihr Motto aus. Sannas große Liebe Franz, ein gehemmter und von seiner Mutter unterdrückter Mann, träumt von einem Zigarettenladen, den er mit einem Freund eröffnen will. Dann endlich kann er sich von seiner Mutter befreien und Sanna heiraten. Doch ein Nazi zerstört den Laden, weil der Freund von Franz ein Kommunist ist. Franz entscheidet sich: Er erwürgt den Nazi, jetzt gibt es nur noch die Flucht.

Im Erzählstrom begegnen wir Heini, vor der Nazizeit ein kritischer Journalist, und Algin, früher ein gefeierter Autor. Doch Algin ist bei den Nazis in Ungnade gefallen, hat Schreibverbot. Er überlegt, durch einen „historischen Roman“ wieder Gefallen bei den Herrschenden zu finden. Heini zieht gegenüber Algin eine bittere Bilanz: „Ein Schriftsteller, der Angst hat, ist kein Schriftsteller. Aber abgesehen davon: du bist überflüssig. Durch die Diktatur ist Deutschland jetzt ein vollkommenes Land geworden. Ein vollkommenes Land braucht keine Schriftsteller.“

Am Ende von zwei atemlosen Tagen erschießt sich Heini. Sein Fazit: „Ich habe die Menschen geliebt, länger als ein Jahrzehnt habe ich mir die Finger wund geschrieben und den Kopf leer gedacht, um sie vor dem Wahnsinn der heranbrechenden Barbarei zu warnen. Eine Maus, die durch Piepsen eine Lawine aufhalten will.“ Algin plant eine Art Wanderung durch Deutschland, er wird nicht mehr schreiben, er geht in die innere Emigration. Sanna aber entscheidet sich anders: Sie besteigt einen Zug und flieht mit Franz aus Hitler-Deutschland.

Genau das tat Irmgard Keun auch. Sie überquerte im Mai 1936 mit der Bahn die Grenze in die Niederlande. Es war der endgültige Abschied von einer Karriere, die glänzend begonnen hatte. Von 1925 bis 1927 hatte sich Keun als Schauspielerin versucht, nur mit mäßigem Erfolg. Der Schriftsteller Alfred Döblin riet ihr zu schreiben. 1931 legte die junge Frau ihren ersten Roman vor: „Gilgi, eine von uns“. Die Geschichte einer jungen Frau, die in der Großstadt versucht, selbstbewusst und selbstständig zu leben, die eine außereheliche Schwangerschaft durch Abtreibung beenden will. „Gilgi“ provozierte die bürgerliche Rechte genauso wie die erstarkenden Nazis. Das gelang der jungen Schriftstellerin noch mehr durch ihr zweites Buch: „Das kunstseidene Mädchen“, das ein Welterfolg wurde. Mitten in der Wirtschaftskrise versucht eine Frau, der kleinbürgerlichen Enge zu entkommen, für ihren Aufstieg bedient sie sich gezielt der Männer, die sie verführt, sie benutzt ihren Körper als Köder.

Schon das „kunstseidene Mädchen“ charakterisierte die filmische Erzählweise, die sich auch in „Nach Mitternacht“ wiederfindet: Der rasche Wechsel von Szenen, harte, schnelle Schnitte. Irmgard Keun hatte Erfolg, sie galt als führende Repräsentantin einer literarischen Gattung, die „Neue Sachlichkeit“ genannt wurde. Doch die Machtergreifung der Nazis und endgültig die Emigration 1936 bedeuteten für Keuns Leben und Schreiben einen Bruch, von dem sie sich nie wieder erholen sollte. Wie sie sich als Emigrantin in den Niederlanden fühlte, lassen schon einige Sätze in „Nach Mitternacht“ erahnen: „Armer Emigrant. Glatt und hart umschalt wie eine Kastanie wird jedes Land für dich sein. Dir selbst wirst du zur Qual werden und anderen Menschen zur Last. Die Dächer, die du siehst, sind nicht für dich gebaut. Das Brot, das du riechst, ist nicht für dich gebacken. Und die Sprache, die du hörst, wird nicht für dich gesprochen.“

Im Exil fand sie nie wieder Halt und Sicherheit. Sie war eine Zeitlang die Lebensgefährtin des Schriftstellers Joseph Roth, dann trennte sie sich von ihm. Roth trank sich buchstäblich zu Tode und starb Ende Mai 1939 in Paris in der Fremde. Wenige Tage zuvor hatte sich der Autor Ernst Toller im US-Exil umgebracht. 1940 besetzten die Truppen der deutschen Wehrmacht Frankreich, die Niederlande und Belgien. Der Schriftsteller Ernst Weiss tötete sich nach dem Einmarsch der Deutschen in Paris, der Expressionist Walter Hasenclever beging im Juni im Internierungslager von Les Milles Suizid. Irmgard Keun entschloss sich zu einem ungewöhnlichen Schritt: Sie kehrte mit „echten falschen Papieren“, ausgestellt auf ihren letzten Ehenamen Tralow, von den Niederlanden nach Deutschland zurück. Mit dieser Tarnung überlebte sie die Nazizeit, versteckt bei Eltern und Freunden. Ihr half, dass eine englische Zeitung auch ihren Suizid gemeldet hatte.

Erst kurz vor ihrem Tod 1982 erfuhr Keun eine bescheidene neue Anerkennung in Deutschland. In Frankfurt besteht jetzt die Chance, diese Schriftstellerin wiederzuentdecken. Sabine Baumann sieht ein „Buch auch für eine junge Leserschaft“.

Nach Mitternacht, im Schauspiel Frankfurt am 4. und 25. Oktober sowie am 19. und 21. November. Beim Lesefestival „Frankfurt liest ein Buch“ vom 2. bis 15. Mai 2022.

Ein Auftritt Hitlers in Frankfurts Festhalle 1936 spielt im Roman ebenfalls eine Rolle. Archiv von ullstein bild (2)

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Ein Auftritt Hitlers in Frankfurts Festhalle 1936 spielt im Roman ebenfalls eine Rolle. Archiv von ullstein bild (2)

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