Friseurin Petra Reinheimer (links) föhnt einem Klienten die Haare.

Engel mit Scheren, Details wollten wir unter der Überschrift Engel mit Scheren für Sie, liebe Leserinnen und Leser, mitteilen. Details zu unseren News mit dem Titel Engel mit Scheren finden Sie in unserem Artikel..

Engel mit Scheren


  • Clemens Dörrenberg

    VonClemens Dörrenberg
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Friseurinnen der „Barber Angels“ schneiden bedürftigen Menschen im Hof des Eastside in Frankfurt kostenlos die Haare.

Büschelweise liegen die Haare am Sonntag im Hof des „Eastside“ im Frankfurter Osten auf dem Boden. Vor der Werkhalle der Drogenhilfeeinrichtung, in der die Klientinnen und Klienten sonst handwerkliche Berufe kennen lernen und ausprobieren können, ist an diesem Nachmittag wieder die „Barber Angels Brotherhood“ zu Gast. Acht Friseurinnen stehen dort in schwarzen Lederwesten und vor ihnen auf Plastikstühlen ihre Kundschaft. Alle tragen Mund-Nasenbedeckung. Auf Tischen rundherum steht alles, was man zum professionellen Hairstyling benötigt, darunter allerhand Sprays, Haartrimmer und Spiegel.

Die ausgebildeten Friseurinnen schneiden an diesem Tag bedürftigen Menschen kostenlos und ehrenamtlich die Haare. Schon zum dritten oder vierten Mal seien sie bei der Einrichtung zu Gast, die in einem ehemaligen Industriegebäude an der Schielestraße untergebracht ist, berichtet Andrea Bug. Sie organisiert in Hessen für den Verein die Aktionen. Dieses Mal wird, coronabedingt, nicht im Café des Eastside im zweiten Stock des Hauptgebäudes, sondern dahinter frisiert.

„70 bis 80 Menschen“ sollen an diesem Nachmittag eine neue Frisur bekommen, etwa 20 bis 30 weniger als vor der Pandemie. „Wir wollten wegen Corona nicht ganz so viele durchschleusen“, sagt Bug. Zum Hintergrund der Aktion sagt die Friseurmeisterin: „Weil man einfach mit Kamm und Schere etwas Gutes tun kann“. Mit flinken Händen schneidet sie einer Frau eine Kurzhaarfrisur. „Man bekommt viel Dankbarkeit zurück“, fügt die 40-Jährige hinzu. Neben der frischen Frisur seien Gespräche wichtig. „Manche erzählen intensiv, was sie erlebt haben“, sagt Bug. Als Beispiel nennt sie einen Mann, der ihr heute geschildert habe, dass er kürzlich aus dem Gefängnis gekommen sei und derzeit eine Entgiftung mache, um von seiner Drogensucht weg zu kommen.

Ein Jahr ohne neue Frisur

Mit einem Fön bläst eine Kollegin nebenan Haare trocken. Dass sie diesmal nur Frauen seien, sei Zufall, berichtet Bug. „Die Kutten tragen wir, um einheitlich aufzutreten, Berührungsängste zu nehmen und einen Wiedererkennungswert zu schaffen“, sagt die Bad Homburgerin. Duzen gehöre dazu, um eine vertraute Atmosphäre zu schaffen. Ihr Sohn Dominik kontrolliert am Eingang, ob neu ankommende Gäste, geimpft sind. Alternativ bietet er ihnen einen Corona-Schnelltest an. Auch er wolle Gutes tun, sagt der 19-Jährige, der erstmals mithilft.

Lale, die zum zweiten Mal zum Haare schneiden gekommen ist und sich gerade von Tina Ihrig ihre langen Haare um vorher besprochene „20 Zentimeter“ kürzen lässt, freut sich schon auf das Ergebnis. Gleichzeitig ist sie etwas unsicher, was da mit ihr passiert und fragt immer wieder nach. „Man fühlt sich hinterher selbstsicherer“, sagt sie. Die 41-Jährige sei im „Methadon-Vergabe-Programm“ des Eastside, und seit rund einem Jahr nicht mehr in einem Haarsalon gewesen. „Ich hab’s ehrlich gesagt nicht mehr auf die Reihe gekriegt, zum Friseur zu gehen“, sagt sie und erwähnt psychische Probleme, während Tina Ihrig ihre langen Haare auskämmt. Die 33-jährige Friseurin aus Ludwigshafen berichtet, dass ihre fünfköpfige Familie selbst „nicht das große Geld“ habe. „Meine Zeit und mein Handwerk zur Verfügung zu stellen kostet mich aber nix“, sagt Ihrig und weiter: „Das Lächeln der Gäste ist unbezahlbar“.

Neues Selbstvertrauen

Wie „neu geboren“, fühle er sich, sagt Silvio, der mit seinem neuen Haarschnitt bei einem Getränk und etwas zu essen im Garten hinter der Werkhalle sitzt. Denn neben den Haarschnitten gibt es auch Essen vom Grill. Nach einem ersten musternden Blick in einen Spiegel sagt Silvio: „Ich finde es sehr gut und bin positiv überrascht“. Sonst schneide sich der 48-Jährige, der in einer betreuten Wohngruppe lebe, seine Haare selbst. Das Geld sei zu knapp für einen professionellen Haarschnitt, sagt er. „Mit der Maschine“ sei er „eine Stunde“ zugange und der Schnitt werde kaum gleichmäßig. Einer der Mitarbeitenden des Eastside sagt, er erkenne „Wesensveränderungen“ bei seinen Klientinnen und Klienten nach jedem Haare schneiden. „Sie laufen ganz anders“, sagt er und macht eine gerade und aufrechte Haltung vor.

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