Geleakt: Ein US-Hubschrauber nimmt 2007 Zivilisten bei einem Angriff in Bagdad ins Fadenkreuz.

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Die vernetzte vierte Gewalt


  • Jakob Maurer

    VonJakob Maurer
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Wikileaks hat seit seiner Gründung 2006 Millionen Geheimdokumente publiziert und zahlreiche Nachfolgeprojekte inspiriert.

Sie kämpfen gegen Korruption in Spanien, gegen Wilderei und andere Umweltverbrechen oder schmutzige Geschäfte im Profifußball – Netzwerke, die Leak-Aktivismus betreiben. Was sie eint: das Vorbild, die Enthüllungsplattform Wikileaks. An diesem Montag vor 15 Jahren poppte sie mit den drei Domains wikileaks.org, wikileaks.cn und wikileaks.info im Internet auf und löste eine „Welle des Leak-Aktivismus“ aus, wie es Kommunikationswissenschaftler Arne Hintz im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau beschreibt.

Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich Wikileaks zu einer Sammelstelle für Datenlecks und Dokumente von Regimekritiker:innen und anonymen Quellen – jeder Menge Unterlagen, die eigentlich geheim bleiben sollten. Schon 2009 waren es mehr als eine Million. Zur Feier des zehnten Jahrestags hieß der hauseigene Slogan: „10 Jahre, 10 Millionen Dokumente“. „Nach der großen Aufmerksamkeit für Wikileaks entstand eine riesige Reihe von Projekten und Enthüllungsplattformen für ganz unterschiedliche Themenbereiche“, sagt Hintz.

Die spanische Plattform Xnet etwa sammelt seit fast einem Jahrzehnt anonyme Hinweise auf Korruption, überprüft sie und leitet sie an Medien und Partnerorganisationen weiter. Dazu zählt inzwischen auch die Stadt Barcelona. Das von der italienischen Künstlerin Simona Levi initiierte Projekt fungiert als Mittler, beteiligte sich auch an der rechtlichen Aufarbeitung der Fälle.

Die Netzwerke Wild Leaks und Football Leaks sind Beispiele für themenspezifische Plattform, Umweltverbrechen auf der einen Seite, Profifußball auf der anderen.

Hintz lehrt an der School of Journalism, Media and Cultural Studies der walisischen Universität Cardiff und brachte 2013 mit anderen Forschenden das Buch „Beyond Wikileaks“ heraus. Nachdem der erste große Hype um Initiator Julian Assange und die Enthüllungen der Plattform abgeklungen war, erforschten sie, welche „Auswirkungen für die Zukunft von Kommunikation, Journalismus und Gesellschaft“, so der Untertitel, Wikileaks zuzuschreiben seien.

Auch mit ein paar Jahren Abstand ist Hintz überzeugt: Die Gründung und Entwicklung von Wikileaks vor 15 Jahren „war ein wichtiger Moment, der neue Organisationen und neue Publikationen und Plattformen des Whistleblowings inspiriert hat. Auf jeden Fall hat er dazu beigetragen, dass wir mehr wissen über die Welt.“

Am Ostersonntag vor zehn Jahren beispielsweise wurden Tausende Dokumente unter dem Namen „Gitmo Files“ über Wikileaks publik, die auf die Whistleblowerin Chelsea Manning zurückgehen sollen. Sie gewährten der Öffentlichkeit erstmals Einblicke in Praktiken des US-Gefangenenlagers in Guantánamo und deckten systematische und routinemäßige Verstöße gegen die Genfer Konventionen und die Misshandlung von Hunderten Gefangenen im Alter von 14 bis 89 Jahren auf.

Unter ihnen auch der in Deutschland geborene Türke Murat Kurnaz, der beinahe fünf Jahre lang im US-Gefangenenlager Guantánamo ausharren musste. Mit den „Gitmo Files“ wurde klar, dass die US-Militärbehörden ihn noch im Frühjahr 2006 als Terrorgefahr einstuften – wenig später aber wurde er freigelassen.

Im Juli 2015 veröffentlichte Wikileaks drei NSA-Abhörprotokolle von Gesprächen der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie Listen, die die gezielte Langzeitüberwachung von Telefonnummern Dutzender deutscher Politiker:innen belegten. Merkel sagte, sie habe davon nichts gewusst. „Ich war der Überzeugung, dass man befreundete Staaten nicht abhört.“

Ins internationale Rampenlicht trat Wikileaks jedoch bereits im April 2010 mit der Veröffentlichung eines von einem US-Armeehubschrauber aufgenommenen Videos. Es zeigte einen Angriff auf eine Gruppe von Zivilisten in Bagdad im Juni 2007, auch zwei Reuters-Journalisten starben dabei. Auf das Video folgten Leaks zu den US-Kriegen in Afghanistan und im Irak. Tausende Unterlagen dokumentierten detailliert die Zahlen von zivilen Opfern und Fälle von Missbrauch und Folter von Gefangenen. Das Material ist bis heute frei zugänglich.

Zunächst wurden die kompletten Dokumente aber ausgewählten Journalist:innen zugespielt. Erste Analysen der Daten wurden von „Spiegel Online“, der „New York Times“ und dem „Guardian“ veröffentlicht.

Hintz ist der Ansicht, dass Enthüllungsplattformen, angefangen von Wikileaks bis hin zu Xnet, vor allem mit dem vernetzten Arbeiten von Whistleblower:innen, technischen Entwickler:innen, aktivistischen Gruppen sowie Vermittlerpersonen mit Kontakten zu Medienhäusern eine neue Methode der Medienarbeit hervorgebracht haben. Ganz nebenbei habe das zur Folge gehabt, dass auch traditionelle Medien gesagt hätten: „So ein anonymes Postfach brauchen wir auch.“

Der Harvard-Professor Yochai Benkler fand dafür den Begriff „networked fourth estate“ (die vernetzte vierte Gewalt) und entwickelte damit die Beschreibung der Rolle klassischer Medien im demokratischen System weiter.

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