Die ersten Stunden: Polizei und Rettungskräfte am 19. Dezember 2016 vor der Gedächtniskirche in Berlin. Foto: Michael Kappeler/dpa

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Der Terror nach dem Breitscheid-Attentat


  • Markus Decker

    VonMarkus Decker
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Auch fünf Jahre nach der Tat leiden die Opfer und Hinterbliebenen der IS-Aktion – und die Gefahr ist lange nicht gebannt.

Der Terrorismusexperte Peter Neumann vom King’s College in London sieht fünf Jahre nach dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz keine akute terroristische Bedrohung im islamistischen Bereich. „Islamistischer Terrorismus ist heutzutage nicht mehr die Bedrohung, die er zur Zeit des Anschlags auf dem Breitscheidplatz war“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland am Donnerstag. „Die Netzwerke, die damals existierten, wurden mittlerweile aufgerollt. Und der ,Islamische Staat‘, in dessen Namen Amri den Anschlag durchführte, hat seine Operationsbasen in Syrien, dem Irak und auch Libyen weitgehend verloren.“

Neumann glaubt nicht, dass es nun Grund zum Aufatmen gebe. Zwar seien gewaltbereite Islamisten heutzutage vielleicht weniger gut organisiert, aber deshalb nicht gleich weniger gefährlich. Vor allem seien sie für die Staatsmacht schwerer einzuschätzen. Deshalb gelte: „Islamistischer Terrorismus ist neben dem rechtsextremen Terrorismus eine zweite große und langfristige Herausforderung für die innere Sicherheit. In beiden Bereichen muss langfristig und nachhaltig investiert werden, um unsere Gesellschaft und Demokratie zu schützen.“

Aus Sicherheitskreisen verlautet, islamistische Propaganda habe nach der erneuten Machtübernahme der Taliban in Afghanistan zwar wieder Auftrieb bekommen; es gebe aber keine echte Mobilisierung. Anders als Syrien, wohin nach Beginn des Bürgerkrieges 2011 rund 1000 Sympathisierende aus Deutschland ausreisten, sei der Hindukusch auch viel schwerer zu erreichen. Die Zahl islamistischer Gefährder wurde vom Bundeskriminalamt (BKA) im November mit 552 angegeben.

Der Tunesier Anis Amri hatte am 19. Dezember 2016 einen Lastwagen gestohlen und war damit über den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche gefahren. Dabei starben zwölf Menschen, Dutzende wurde zum Teil schwer verletzt und leiden vielfach bis heute an den Folgen.

Dabei steht nach dem Ende des Bundestags-Untersuchungsausschusses zu dem Attentat fest, dass Amri kein Einzeltäter war. Noch im Lastwagen tauschte er sich mit einem „Mentor“ beim IS aus: „Ich bin jetzt in der Karre, verstehst du? Bete für mich, Bruder!“ Am Abend vor der Tat traf er den Islamisten Bilel Ben Ammar, den deutsche Behörden schon länger im Visier hatten.

Der „Mentor“ ist bis heute unauffindbar. Ben Ammar wurde im Februar 2017 nach Tunesien abgeschoben. Dort war er zwischenzeitlich in Haft, nun ist er verschwunden. Ebenso unklar ist, wo sich der mutmaßliche Auftraggeber des Anschlags, der IS-Funktionär „Abu Bara’a Al Iraqi“, versteckt hält. Fünf Jahre nach dem Anschlag sinken außerdem die Chancen, dass einer von Amris Hintermännern und Helfern vor ein deutsches Gericht kommt und die Hinterbliebenen der Opfer auf dem Rechtsweg eine Art Genugtuung erfahren können.

„Hilflos und ohnmächtig“

Im Koalitionsvertrag haben sich die Ampel-Parteien auf einen „empathischeren und würdigeren Umgang mit Opfern und Hinterbliebenen von Terroranschlägen und Katastrophen nationaler Tragweite“ verständigt. Das ist eine Lehre aus der ursprünglich ungenügenden Unterstützung für die Hinterbliebenen und Geschädigten des Weihnachtsmarkt-Attentats. Es soll auch einen „nationalen Gedenktag für die Opfer terroristischer Gewalt“ geben; man will sich da dem 11. März anschließen, der der europäische Gedenktag für Terroropfer ist. An dem Tag 2004 ermordeten Dschihadisten durch Bombenattentate in Madrider Vorortzügen 191 Menschen, 1800 wurden verletzt.

Zuletzt waren vonseiten der Breitscheidplatz-Opfer und ihrer Angehörigen erneut Klagen über ihre Behandlung durch die Behörden laut geworden. „Hilflos und ohnmächtig“ müsse man zusehen und miterleben, „wie der Terror für die Geschädigten weitergeht“, zitierte der „Tagesspiegel“ aus einem Schreiben des Opferpsychologen Rainer Rothe an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Rothe betreut mehr als zehn Opfer des Anschlags sowie Berliner Opfer des Anschlags von Nizza im selben Jahr. Er beklagte „fatale und menschenverachtende Umgangsformen der Behörden“. Für manche Betroffene sei das genauso traumatisierend wie der Anschlag selbst.

Opfer und Angehörige fühlten sich hilflos, so Rothe. Vielerorts fehle Fachwissen in der Traumatherapie. Hilfe sei zum Teil gar nicht oder erst nach Monaten oder gar Jahren geleistet worden. Keines der Opfer habe einen „Lotsen“ oder Fallmanager zur Seite gestellt bekommen. Nach einer eigenen Befragung des Berliner Psychologen lagen zwischen Anschlag und Therapiebeginn im Durchschnitt 357 Tage, also knapp ein Jahr. 18 von 23 Befragten hätten sich irgendwann anwaltliche Hilfe gesucht.

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