Ein Virtuose am Ball: Bernd Nickel. dpa

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Der Herr der Ecken


  • Thomas Kilchenstein

    VonThomas Kilchenstein
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Ein großer Fußballer mit gewaltiger Schusskraft: Bernd Nickel hat die Geschicke von Eintracht Frankfurt geprägt – und von allen vier Ecken des Waldstadions direkt getroffen.

Es war ein paar Monate nach dem letzten Pokalsieg, als Bernd Nickel, der am Mittwoch nach schwerer Krankheit im Frankfurter Markuskrankenhaus im Alter von 72 Jahren gestorben ist, seinem Jugendverein, dem SV Eisemroth, mal wieder einen Besuch abstattete. Der Westerwälder Klub hatte endlich einen neuen Kunstrasenplatz bekommen, da war es natürlich Ehrensache für den Westerwälder Nickel, bei der kleinen Feier anwesend zu sein. Angst vor Nähe kannte Nickel nicht, seine Wurzeln hat er nie verleugnet, er war und blieb einer zum Anfassen, und wenn der damals 69-Jährige seine Fußballschuhe dabei gehabt hätte, wahrscheinlich hätte er nochmal einen Eckball direkt verwandelt.

Das konnte er ja wie kein Zweiter. Er ist bis heute der einzige Spieler, der von allen vier Ecken des Waldstadions direkt ein Tor erzielt hat, das berühmteste war jenes 5:0 gegen Sepp Maier beim 6:0-Triumph über Bayern München. Und „Nackel“, wie ihn die Mitspieler riefen, hatte dafür eine spezielle Technik. „Immer volles Risiko“ sei er gegangen, sagte der Linksfuß einst in Ralf Holls Film „Träume in schwarz und weiß“, von links mit dem Außenrist, von rechts mit dem Innenrist. Eckbälle direkt verwandeln, seine Spezialität, war „früher viel schwieriger als heute“, sagte der Herr der Ecken gern. Denn seinerzeit gab es im Waldstadion eine Laufbahn und damit eine Umrandung. Es erforderte ein gewisse „Koordination, die hatte ich“. Leicht hätte der Schütze beim Anlauf über die Umrandung stolpern können.

Nickel stolperte nie. Wegen seines knallharten Schusses „Dr. Hammer“ gerufen – der Spitzname hatte ihm übrigens Torwart Hans Tilkowski verpasst – gehörte zu jenem legendären Trio, bestehend aus Jürgen Grabowski, Bernd Hölzenbein und ihm, das Eintracht-Geschichte geschrieben hat. Diese drei prägten in den 1970er und 80er Jahren Eintracht Frankfurt, diese drei drückten dem Klub ihren Stempel auf, waren die Aushängeschilder, die Vorzeigeprofis, logisch, dass alle drei in der Bundesliga nur für die Eintracht spielten. „Wir waren drei, die miteinander harmoniert haben“, erzählt Grabowski jetzt, der bis zum Schluss, auch wenn es immer schmerzlicher wurde, Kontakt zu seinem kongenialen Vorlagengeber hielt. „Wir wussten: Wir können uns aufeinander verlassen, entsprechend mit breiter Brust gingen wir ins Spiel.“

Und doch stand Bernd Nickel, der nach seiner Karriere vorübergehend den Eintracht-Shop und in Herborn ein Sportgeschäft führte, immer ein klein wenig im Schatten von Grabowski und Hölzenbein, dabei war er derjenige, der den entscheidenden Pass spielte, er war der Regisseur mit dem feinen Fuß, der geniale Spiellenker. „Der Grabi und der Holz – Frankfurts Stolz“ wurde gereimt, Nickel blieb außen vor. Das hat ihn natürlich gewurmt, aber ein Mann fürs Rampenlicht war der passionierte Golfspieler ohnehin nicht.

Er hat viel gewonnen mit der Eintracht, zuvorderst den Uefa-Cup 1980, dazu dreimal den Pokal (1974,1975, 1981), Sieben Mal erreichte die Eintracht mit ihm eine Top-Sechs-Platzierung in der Liga, öfter gelang dies keinem Frankfurter Profi. Nickel war Nationalspieler, er machte zudem 41 Amateur-Länderspiele. Er war 1972 beim Olympischen Fußballturnier in München dabei.

Der gelernte Fernmeldetechniker kam 1966 vom SV Eisemroth zur Eintracht und blieb bis 1983, bestritt 426 Bundesligaspiele und erzielte 141 Tore. Nur Hölzenbein erzielte mehr Treffer für die Hessen, und bis heute ist er damit einer der torgefährlichsten Mittelfeldspieler des Landes. Er war einfach, wie Grabowski sagte, „ein großer Fußballer“.

Sein wichtigstes und vielleicht folgenreichste Tor erzielte er im Mai 1971 auf dem Bieberer Berg. Das 1:0 gegen Kickers Offenbach per akrobatischem Seitfallrückzieher wurde zum Tor des Monats gewählt und mündete in einen 2:0-Sieg beim OFC. Dieser Frankfurter Sieg am vorletzten Spieltag besiegelte den Abstieg der Kickers und die Rettung der Eintracht. Wer weiß, was passiert wäre, hätte Nickel nicht getroffen und die Offenbacher wären in der Liga geblieben, womöglich hätte OFC-Boss Horst Gregorio Canellas eine Woche später nicht den Bundesligaskandal öffentlich gemacht. Für Nickel persönlich hatte der wunderschöne Treffer ebenfalls Auswirkungen: „Ich durfte nicht zum FC Bayern München“, hat er mal der „FR“ erzählt. Mit den Bayern war schon alles klar, bei Abstieg der Eintracht „wäre ich nach München gewechselt“.

Eine Identifikationsfigur

Den Bieberer Berg betrete er nicht mehr, hat er viele Jahre später gesagt, da arbeitete er schon als Spielervermittler. Als er das letzte Mal dort war, spielte Sohn Frank mit den Amateuren des VfL Marburg gegen die Kickers auf einem Nebenplatz, der Vater schaute zu, wurde erkannt „und prompt angemacht.“ Er hat sich schnell aus dem Staub gemacht – zu schnell, wie sich zeigen sollte: Auf der Heimfahrt, noch in Offenbach, ist er geblitzt worden.

Eintracht-Präsident Peter Fischer zeigte sich am Mittwoch bestürzt über den Tod Nickels: „Mit Bernd Nickel verlieren wir eine der ganz großen Identifikationsfiguren des Vereins. ‚Dr. Hammer‘ war ein Markenbegriff für die Eintracht.“ Und Karl-Heinz Körbel, noch so eine Eintracht-Ikone, nahm via Facebook Abschied: „Lieber Bernd, du hast mir gerade in der Zeit, als ich mit 17 Jahren zu Eintracht Frankfurt gekommen bin, unglaublich geholfen. Du hast mir die Eintracht-Welt gezeigt und warst immer für mich da. Du warst ein Mensch mit einem großen Herzen.“

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