Studien deuten darauf hin, dass der Impfschutz nach einigen Monaten nachlässt. getty

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Delta: Zweimal Impfen reicht nicht


  • Pamela Dörhöfer

    VonPamela Dörhöfer
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In Deutschland und anderen Ländern sollen Risikogruppen eine dritte Dosis als „Booster“ gegen Corona bekommen. Die WHO sieht das kritisch.

Menschen, die ein erhöhtes Risiko für einen schweren Covid-Verlauf haben oder mit einem Vektorvakzin geimpft wurden, sollen in Deutschland von September an eine dritte Dosis als Auffrischung angeboten bekommen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hingegen appelliert an die Industrienationen, auf einen solchen „Booster“ zu verzichten und die dafür benötigten Impfstoffe lieber den armen Ländern zu überlassen, wo die meisten Menschen bislang nicht einmal die erste Injektion erhalten haben.

Israel, von Beginn an Vorreiter bei den Covid-Impfungen, legt auch dieses Mal wieder vor: Dort können sich über 60-Jährige und Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen bereits seit Ende Juli eine dritte Dosis verabreichen lassen. In Israel werden ausschließlich mRNA-Vakzine eingesetzt – vor allem Biontech/Pfizer, zu einem kleineren Teil auch Moderna.

Grund für die Booster-Impfungen in Israel sind steigende Infektionszahlen. Noch im Juni hatte die Zahl der Neuinfektionen an manchen Tagen sogar bei Null gelegen, am Wochenende wurden mehr als 4000 tägliche Fälle gelistet (Quelle: worldometers). Unter den Infizierten sind viele, die komplett geimpft sind, auch etwa die Hälfte der Covid-Patientinnen und -Patienten, die im Krankenhaus behandelt werden müssen, sollen bereits den vollen Impfschutz haben. (Allerdings bleibt die Zahl der schweren Fälle insgesamt niedrig, laut „Times of Israel“ waren es am Freitag 253.) Nach den Daten des israelischen Gesundheitsministeriums ist der Schutz vor Infektion und Krankheit mehr als 90 Prozent in den ersten Monaten auf nur noch etwa 40 Prozent im späten Juni gefallen. Auch in anderen Ländern, darunter China und Russland, sollen Booster-Impfungen den Schutz wieder verbessern.

Die Lage in Großbritannien stellt sich anders dar als die in Israel

Es stellt sich die Frage, ob die nachlassende Wirkung der Zeit oder einer möglichen „Immunflucht“ der infektiöseren Delta-Variante geschuldet ist – und wie wichtig beziehungsweise sinnvoll eine Booster-Impfung ist. Die dazu vorliegenden Daten ergeben kein eindeutiges Bild, was die Einschätzung erschwert. So stellt sich in Großbritannien, wo man ebenfalls sehr früh mit dem Impfen begann, die Lage etwas anders dar als in Israel. Auf der Insel ist die Zahl der Neuinfektionen nach einem starken Anstieg im Juli zuletzt wieder gesunken.

Laut der aktuellen Zahlen der „React“-Studie des britischen Gesundheitsministeriums für die Zeit von Mitte Juni bis Mitte Juli erkrankten vollständig geimpfte Menschen drei Mal weniger als ungeimpfte. 44 Prozent aller Infektionen betrafen Menschen, die doppelt geimpft sind. Allerdings weisen auch die Zahlen aus Großbritannien auf eine verringerte Wirksamkeit der Vakzine hin. Demnach schütze die Impfung jetzt im Schnitt nur noch zu 59 Prozent vor einer symptomatischen Covid-19-Erkrankung.

Der Impfschutz lässt offenbar kontinuierlich nach

Auch andere wissenschaftliche Publikationen belegen einen Rückgang des Schutzes mit der Zeit, die darin aufgeführten Werte sind allerdings nicht einheitlich. Eine auf Daten der Maccabi Healthcare Services basierende Studie aus Israel kommt laut Bericht im Fachmagazin „Nature“ zu dem Ergebnis, dass das Infektionsrisiko bei Menschen, die im Januar und Februar geimpft wurden, um 53 Prozent höher ist als bei jenen, die im März und April 2021 geimpft wurden. Ergebnisse aus der ja immer noch laufenden Zulassungsstudie für den Impfstoff von Biontech/Pfizer legen nahe, dass der Schutz nach der zweiten Dosis leicht, aber kontinuierlich abnimmt, wie es im „Ärzteblatt“ heißt, schwere Verläufe aber immer noch zu 96,7 Prozent verhindert würden. Eingeflossen sind Daten bis März 2021.

Booster-Angebot

In Deutschland soll bestimmten Gruppen mit erhöhtem Risiko ab September eine dritte Dosis angeboten werden.

Das gilt für Menschen mit stark geschwächtem Immunsystem (etwa nach Organtransplantation), fürHochbetagte und Pflegebedürftige, die zuhause leben sowie für Menschen, die in Pflegeeinrichtungen behandelt werden.

Wer einen Vektorimpfstoff von Astrazeneca oder Johnson & Johnson verabreicht bekommen hat, kann von September an einen Booster mit einem mRNA-Impfstoff (Biontech/Pfizer oder Moderna) erhalten. Das gilt aber nur für jene, die beide Dosen mit Astrazeneca oder eine mit Johnson & Johnson erhielten. Wer zuerst mit Astrazeneca und dann mit einem mRNA-Vakzin geimpft wurde, ist nicht betroffen. pam

Weniger erfreulich klingt, was Fachleute vom University College London in einer im Fachmagazin „The Lancet“ veröffentlichten Studie feststellen. Demnach soll sich der Antikörperspiegel bereits 70 Tage nach der zweiten Dosis mit Biontech/Pfizer mehr als halbieren und bei Astrazeneca im gleichen Zeitraum noch stärker sinken; bei schlechterem Ausgangswert. Denn eine weitere Erkenntnis lautet, dass die Spiegel nach zwei Dosen des mRNA-Impfstoffs wesentlich höher ausfielen als nach zwei Dosen des Vektorimpfstoffs von Astrazeneca.

Wie lange die Immunität anhält, ist unklar

Maddie Shrotri, eine der Studienautorinnen, wird in einer Mitteilung ihrer Universität mit der Sorge zitiert, würden die Antikörperspiegel „weiterhin in dieser Geschwindigkeit abfallen, befürchten wir, dass auch die Schutzwirkung der Impfstoffe nachlassen könnte, insbesondere gegen neue Varianten, aber wir können nicht vorhersagen, wie schnell das passieren könnte.“

Man wisse einfach noch nicht, wie lange die Immunität nach der Impfung anhält, sagte die Immunologin Maike Hofmann von der Universität Freiburg vergangene Woche in einem Gespräch beim Science Media Center. Auch ist bislang nicht klar, wie hoch die Antikörper-Titer sein müssen, um einen effektiven Schutz zu gewährleisten – eines der zentralen Probleme. die eine Einschätzung erschweren. Weltweit suchen Forschende nach diesem sogenannten Schutzkorrelat, einem Wert an Antikörpern, der für einen Immunschutz erreicht werden muss. Ein solches „Korrelat für Protektion gegen Krankheit“ sei „dringend“, sagte Infektionsimmunologin Christina Dahlke vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf dem Science Media Center.

Der Nutzen einer dritten Dosis ist noch nicht abschließend geklärt

Gleichzeitig vernachlässigt der alleinige Blick auf die Antikörper die Rolle an Gedächtnis-B- und -T-Zellen. Zwar zeigten erste Daten, dass ein Zusammenhang zwischen dem Titer an neutralisierenden Antikörpern und dem Schutz vor symptomatischer Infektion bestehe, sagt Leif Erik Sanders, Leiter der Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung an der Berliner Charité. Doch niedrige oder nicht mehr messbare Antikörperspiegel müssen nicht automatisch bedeuten, dass man auch vor einer Erkrankung überhaupt nicht mehr geschützt ist. Denn dabei spielen auch Gedächtnis-B- und -T-Zellen eine Rolle. Erstere können bei der erneuten Konfrontation mit einem Erreger wieder Antikörper produzieren, T-Zellen sind in der Lage, infizierte Zellen abzutöten.

Welchen Nutzen eine Booster-Impfung hat, ist noch nicht eindeutig geklärt. Die wenigen Studien die es dazu gibt, zeigten laut einem Bericht im Magazin „Nature“, dass eine dritte Dosis, die mehrere Monate nach der zweiten verabreicht wurde, tatsächlich zu einem Anstieg bei den neutralisierenden Antikörpern führt. In vorläufigen Studien gebe es Hinweise, dass das Boostern mit einem anderen Impfstoff als dem beim ersten Mal verwendeten zu „robusteren Immunantworten mit hohen Konzentrationen von Antikörpern und T-Zellen“ führen könne. Stärkere Nebenwirkungen seien nicht beobachtet worden.

Trotz Impfung können Menschen andere anstecken

Leif Erik Sander, findet das Boostern „im Lichte der Variante“ bei Bevölkerungsgruppen mit ohnehin reduziertem Impfschutz vertretbar, „auch wenn diese Erkenntnisse noch nicht auf harten Daten basieren“. Er sieht aber auch das „ethische Dilemma“ angesichts von Ländern, in denen es bislang kaum Erstimpfungen gab.

Wovon man sich nach Ansicht vieler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler allerdings verabschieden muss, ist die Vorstellung, dass die Impfung eine sterile Immunität bewirkt – heißt, dass Geimpfte sich nicht mehr infizieren können. Mehrere Studien haben nachgewiesen, dass die Viruslast in Geimpften, die sich infiziert haben, genauso hoch ist wie in ungeimpften Infizierten. Das bedeute laut Sanders, dass diese Menschen dann trotz Impfung auch andere anstecken können. Deshalb könnten auch bei einer hohen Impfquote Masken in Innenräumen und im öffentlichen Nahverkehr noch sinnvoll sein.

Dass die vorliegenden Covid-Impfstoffe keine sterile Immunität hervorrufen, hat vor allem damit zu tun, dass sie in den Muskel gespritzt werden, das Coronavirus aber als erstes die Schleimhäute in Nase und Rachen befällt. Ein Problem, das auch die Grippe-Impfung hat. Mehrere Forschungsteams arbeiten deshalb an Corona-Impfstoffen, die in die Nase gesprüht werden; einige davon haben die erste klinische Studienphase bereits erreicht und werden an Menschen getestet.

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