Getümmel um Kevin Trapp. Foto: Imago images

Chaos im Eintracht-Kosmos, Details wollten wir unter der Überschrift Chaos im Eintracht-Kosmos für Sie, liebe Leserinnen und Leser, mitteilen. Details zu unseren News mit dem Titel Chaos im Eintracht-Kosmos finden Sie in unserem Artikel..

Chaos im Eintracht-Kosmos


  • Ingo Durstewitz

    VonIngo Durstewitz
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Eintracht Frankfurt muss auf internationalem Parkett in Istanbul bestehen, beschäftigt sich aktuell aber mit dem rätselhaften Abfall in Halbzeit zwei und Union Berlin.

Der Frankfurter Sportchef Markus Krösche fand es „ärgerlich“, Eintracht-Haudegen Timothy Chandler „einfach nur schade“ und Kapitän Sebastian Rode sah sich gar in „einer Achterbahn der Gefühle“ sitzen, „weil wir den Sack nicht zugemacht haben“. Doch in die geballte hessische Enttäuschung nach dem letztlich glücklichen 2:2 in der Europa League gegen Royal Antwerpen mischte sich flugs eine üppige Dosis Trotz, fast schien es, als habe sich die Eintracht-Entourage in Windeseile auf eine Sprachregelung geeinigt, die keinen Interpretationsspielraum und nicht mal ein Fünkchen Selbstzweifel lässt. Vergebener Matchball hin oder her.

Dass es am Donnerstag nicht geklappt hat mit der vorzeitigen Qualifikation für das Achtelfinale – na und? Geschenkt! „Dann machen wir es halt in Istanbul fix“, wie Trainer Oliver Glasner sagt. Und Timmy Chandler: „Dann müssen wir halt jetzt da den Gruppensieg klarmachen.“ Und Sebastian Rode: „Dann holen wir uns eben dort den ersten Platz.“ Die demonstrative Jetzt-erst-recht-Haltung.

Ganz so einfach, der eine oder andere ahnt es vielleicht, wird es nicht werden am 9. Dezember am Bosporus, wenn es im abschließenden Spiel gegen Fenerbahce und heißblütige Fans geht. „Da brauchen wir ein perfektes Spiel“, unkt Mittelfeldmotor Djibril Sow.

In Gruppe D liegt die Eintracht noch immer an der Tabellenspitze, zwei Punkte vor Olympiakos Piräus, in knapp zwei Wochen kommt es zum Fernduell um die Spitzenposition und um den direkten Einzug ins Achtelfinale. Der Eintracht reicht ein Punkt in der Türkei, dann könnte Piräus gegen Antwerpen auch mit, sagen wir, neun zu null gewinnen – der direkte Vergleich zwischen der Eintracht und Olympiakos geht an die Frankfurter.

Insofern hat Trainer Glasner Recht, wenn er daran erinnert, dass der ultraspäte Ausgleichstreffer des eingewechselten Goncalo Paciencia einen Punkt sicherte, „der noch ganz, ganz wichtig werden könnte“.

Und doch hinterließ dieses Remis gegen das Tabellenschlusslicht aus Belgien mal wieder viel Rätselhaftes und einige Fragezeichen. Denn der Leistungsabfall nach dem Seitenwechsel war eklatant und ist kaum schlüssig zu erklären. Nun war es nicht so, dass die Eintracht im ersten Durchgang ein „tolles Spiel“ gezeigt hat, wie Torwart Kevin Trapp übertrieb, aber sie spielte sehr manierlich, streute schöne Ballpassagen ein, erzielte ein klasse Tor durch Daichi Kamada und hatte den Kontrahenten sicher im Griff. Was dann, nach dem Wiederanpfiff, passierte, ist höchst seltsam. Es war, als hätte jemand den Stecker gezogen, der Bruch im Spiel war gewaltig. Sportvorstand Krösche fand das Team auf einmal „fahrig“, Coach Glasner war das Ganze „ein bisschen zu wild“. Die Mannschaft, so der Fußballlehrer, habe ihre Struktur verloren, „wollte zu schnell zu viel, das war nicht mehr so flüssig, zu ungeduldig, wir haben die Bälle zu schnell hergeschenkt.“ Mit der Folge, dass Antwerpen immer stärker aufkam und nicht unverdient das Spiel drehte.

Der zweite Durchgang war, auch wenn Keeper Trapp das partout nicht wahrhaben wollte („Das war definitiv kein Rückschritt“), ein Rückfall in Zeiten, die hinter der Eintracht zu liegen schienen. Da war vieles nur noch schemenhaft und in Bruchstücken zu erkennen. Die kopflose Vorstellung demonstrierte sehr anschaulich, dass sich die Mannschaft noch immer in einem Prozess befindet und Schwankungen unterworfen ist, gefestigt sieht das nicht aus, zu schnell lässt sie sich aus der Bahn werfen und verliert ihre Linie. Und weiß sich dann auch nicht mehr zu helfen, die Angriffsbemühungen sind dann plötzlich verblüffend einfältig, wie kurz vor Schluss, als der Ball immer wieder zum Nebenmann geschoben wurde – und die Frankfurter mit einem Kontergegentor bestraft wurden. „Da waren wir naiv“, tadelte Krösche. Und Verteidiger Chandler analysierte treffend: „Wir haben zu spät den Abschluss gesucht. Noch mal quergelegt und noch mal quergelegt.“

Auch Djibril Sow, der auf dem Feld ab und an um Orientierung bemüht ist und nicht immer die richtigen Entscheidungen trifft, hat die Gabe, das Gebotene realistisch einzuschätzen. „Das war viel zu hektisch, wir hätten schneller spielen und klarer auflösen müssen“, mäkelte er. Und weiter: „Wir haben die Bälle wild nach vorne gespielt, das ist dann wieder so ein Chaos-Spiel geworden, was wir nicht mehr wollen.“

Auf eines kann sich die Eintracht indes verlassen, das ist ihre Mentalität und ihre Comeback-Eigenschaft. Auch nach schweren Niederschlägen „vergraben wir uns nicht“, wie Glasner sagt. „Was uns auszeichnet ist, dass wir nie aufstecken.“ Nur so sind in der Tat die vielen späten Tore möglich, allein in den letzten zehn Pflichtspielen holten die Frankfurter zehn zusätzliche Punkte, und, noch erstaunlicher: In vier der letzten fünf Partien trafen sie in der Nachspielzeit: Tuta zum 1:1 gegen Leipzig (94. Minute), Jens Petter Hauge zum 2:1 in Piräus (91.), Rafael Borré zum 2:1 in Fürth (94.) und nun Goncalo Paciencia zum 2:2 gegen Antwerpen (94.). Nur der 2:0-Erfolg in Freiburg wurde vorher eingetütet. Das ist zweifelsfrei eine Qualität. „Und wichtig für den Kopf“, wie Chandler anmerkt.

Eine Atempause gibt es für die Hessen nicht, in der Bundesliga geht es bereits am Sonntag weiter, dann kommt Union Berlin in den Stadtwald (15.30 Uhr/Dazn). Die hohe Belastung, kündigt Kevin Trapp schon mal, werde man nicht als Ausreden anführen, zumal ja die Berliner auch international vertreten sind. Die gut organisierten Köpenicker werden die Frankfurter vor die nächste knifflige Aufgabe stellen. „Sie laufen viel, sind sehr aggressiv und nicht einfach zu bespielen“, sagt Torwart Trapp. Könnte eine zähe Angelegenheit werden, zumal die Eintracht noch auf ihren ersten Bundesligaheimsieg wartet.

Auf frenetische Unterstützung von außen darf sie nicht hoffen, vom einstigen Tollhaus der Liga ist nicht viel geblieben, die Stimmung im Stadtwald passt sich den frostigen Temperaturen an. Zudem: Für Sonntag sind von 40 000 Tickets nur etwa die Hälfte verkauft. Vor nicht mal zwei Jahren noch undenkbar.

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