Teure Grätsche: Stefan Ilsanker gehört zu den Besserverdienenden bei der Eintracht. Foto: imago images

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Auf Normalmaß gestutzt


  • Ingo Durstewitz

    VonIngo Durstewitz
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Wie die Pandemie die aufstrebenden Frankfurter Eintracht finanziell ausgebremst hat und weshalb man sich auch über den harten Kern der eigenen Fans ärgert.

Die existenzielle Finanzkrise 2008, die ein ganzes System ins Wanken brachte, hat sich tief ins Innere von Philip Holzer eingegraben. Die schlaflosen Nächte und beladenen Tage sind in seinen finsteren Erinnerungen nicht auszuradieren. Er, der frühere Investmentbanker, habe damals seinen Mitarbeitern bei Goldman Sachs jeden Morgen in die Augen gesehen und darin das blanke Entsetzen gelesen: „War es das jetzt? Sind wir pleite?“ Waren sie dann doch nicht.

Irgendwie ist die gerissene Blase wieder notdürftig geflickt worden, die marode Branche erholte sich, doch ab und an fühlt sich der Aufsichtsratschef der Frankfurter Eintracht heute an seinen damaligen Job in größtmöglichen Turbulenz-Tagen erinnert. Denn die nun seit geraumer Zeit tobende Pandemie und ihre Auswüchse haben den Verein an den Rand der Belastbarkeit gebracht. „Wenn’s dumm läuft, haben wir 70 Millionen Euro verloren“, sagt der frühere Finanzjongleur. „Das ist extrem viel Geld in Corona-Zeiten.“

Hätte sich die Eintracht nicht vorher so viel Speck angefressen und sich sportlich sowie wirtschaftlich auf ein sehr viel höheres Level gehoben als vor einigen Jahren, hätte der Klub diese tiefen Einschnitte nicht abfedern können. „Das hätten wir nicht überstanden.“

Aber auch so sind die Einschläge massiv, den Bundesligisten aus dem Hessischen hat Corona härter getroffen als viele andere – freilich nicht im Sinne eines existenzbedrohenden Angriffs. Durch Rücklagen und clevere Maßnahmen zur Eigenkapitalerhöhung steht der Klub solide genug da, um die heftige Umklammerung einigermaßen sorgenfrei zu überstehen; Finanzvorstand Oliver Frankenbach verortet die Eintracht in punkto wirtschaftliche Stabilität im Bundesliga-Ranking noch immer „unter den ersten Sechs“.

Doch der Verein ist in seiner gesamten Entwicklung gebremst, ja gestoppt worden – gerade in der Phase des exponentiellen Wachstums, gerade, als sich der Klub anschickte, in die Phalanx der Spitzengruppe einzudringen und sich einige strukturelle Großprojekte im mittleren zweistelligen Millionenbereich ans Bein band. Und dann die Vollbremsung. Die Zeit der großen Sprünge ist vorüber.

Die Eintracht hat Corona zur Unzeit getroffen, der Verein fällt auf sein Ausgangsniveau zurück, von dem er sich nahe heran robbte an die Spitzenplätze. In der Liga wird das Schrumpfen auf Normalmaß nicht flächendeckend, aber zumindest stellenweise mit ein wenig Häme begleitet, weil sich der Verein in den letzten Jahren sehr angriffslustig und offensiv präsentierte, deutlich dokumentierte, den Schritt aus dem Mittelmaß nach oben machen zu wollen. Nun ist er zurück auf dem Boden der Tatsachen und muss so manche Spitze der Konkurrenten ertragen.

Im Stadtwald nimmt man es sportlich. Ärgert sich hingegen durchaus über den harten Kern der eigenen Fans, der dem Verein gerade in dieser extrem schwierigen Phase die Gefolgschaft verweigert und – von der fehlenden Unterstützung für die Mannschaft mal abgesehen – nicht dazu beiträgt, zumindest im Ticketing wichtige Erträge zu erlösen. Ob diese Frage angesichts der heftig steigenen Corona-Zahlen überhaupt noch aktuell sein oder Fußball bald wieder im Geisterhaus gespielt wird, steht auf einem anderen Blatt.

Die neue Sportliche Leitung hat es daher nicht leicht, den anspruchsvollen Anforderungen gerecht zu werden und den Verein für die Zukunft so aufzustellen, dass er wieder die Chance hat, die internationalen Startplätze zu erreichen. In dieser Spielzeit ist das ohnehin so gut wie ausgeschlossen, aber auch in der neuen Saison wird viel Fantasie, Auge und Weitsicht gefragt sein, um die Mannschaft entsprechend zu verstärken. Der deutlich kleinere und mit geringeren Mitteln ausgestattete SC Freiburg gilt da als leuchtendes Beispiel, der oft seine Leistungsträger abgeben muss, sich aber immer wieder berappelt und in den letzten fünf Jahren dreimal in den Top Ten landete. Zurzeit liegen die Breisgauer auf Rang drei.

Die Eintracht wähnte sich da sehr viel weiter, doch muss sich nun neu aufstellen. Der Lizenzspieleretat, zu seiner Hochzeit vor zweieinhalb Jahren bei fast 95 Millionen Euro, wird zur neuen Spielzeit auf etwa 50 Millionen Euro schrumpfen. „Gehälter wie aus der Vor-Corona-Zeit können wir zukünftig nicht mehr zahlen“, sagt Finanzboss Frankenbach. Das bedeutet auch, dass das gesamte Niveau nivelliert und begradigt werden muss. Das wird sich auf dem Transfermarkt niederschlagen: Denn gute Spieler kosten gutes Geld – oder man muss andere entdecken und besser machen. Einfach ist das alles nicht.

Und der Verein muss Altlasten abtragen, die die von Bord gegangene Sportliche Leitung hinterlassen hat. Denn gerade der Paradigmenwechsel vor mehr als eineinhalb Jahren, als sich der Klub dazu entschloss, gestandene, nicht eben günstige Spieler zu verpflichten, schlägt bis heute durch. So sitzen viele Profis auf extrem gut dotierten Verträgen – der Gegenwert ist bei einigen allerdings gering. Ein Beispiel: Ein Akteur wie Stefan Ilsanker, nicht mal mehr Hinterbänkler im Kader, streicht ungeheuer viel Zaster ein, was ihm in keiner Weise vorzuhalten ist – der Anstellungsvertrag ist ja freiwillig derart hochpreisig ausgestellt worden.

Und doch wird sich die Eintracht – sollte sie sich bis Weihnachten weiterhin im Souterrain des Tableaus befinden – schon im Winter nach neuen Spielern umsehen, obwohl sie finanziell schwer angeschlagen ist. Doch nichts ist so teuer wie ein Abstieg.

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