Konfrontation in den Straßen von Cali.

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Aktivistin aus Frankfurt überlebt Attentat in Kolumbien


  • Stefan Simon

    VonStefan Simon
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Eine Frankfurterin beteiligt sich an den Protesten in Kolumbien. Knapp nur entkommt sie bei einem Attentat dem Tod – ihr Freund stirbt.

Lange hat Rebecca Sprößer auf jenen Abend gewartet. Zum ersten Mal will sie sich mit ihrem Freund Jhoan Sebastián Bonilla Bermúdez allein treffen. „Wir freuten uns wie kleine Kinder“, sagt sie. Beide wissen, dass es gefährlich ist, wenn sie sich so in der Öffentlichkeit zeigen. Sprößer hat in den vergangenen Wochen mehrfach Morddrohungen erhalten. Das Paar steht im Auge der Öffentlichkeit für „Puerto Resistencia“ (Hafen Widerstand), eine der Gruppen, die Proteste gegen die kolumbianische Regierung organisiert.

Sprößer gilt als Sprachrohr der Gruppe, veröffentlicht auf Social Media Videos, um der Welt zu zeigen, was in Kolumbien seit Monaten und Monaten geschieht: Friedliche Proteste am Tag, Gewalt der Polizei in der Nacht und die Verteidigung von Straßen und Plätzen durch die „Primera Linea“, die „vorderste Front“ meist junger Männer, die Demonstrationszüge schützen, ausgerüstet mit improvisierten Schildern, mit Helmen und Schutzbrillen. Bermúdez ist der Anführer von „Puerto Resistencia“. In einem Video, das Sprößer der FR in dieser Zeit schickt, sagt sie: „Es geht hier jede Nacht um Leben und Tod.“

Die 34-jährige Rebecca Sprößer kam im März als Touristin nach Cali, die drittgrößte Stadt Kolumbiens, sie wollte Salsa lernen. Sie fand Arbeit bei einer Hilfsorganisation und lernte dadurch Aktive von „Puerto Resistencia“ kennen.

Tod in Kolumbien: Frankfurterin überlebt Attentat knapp

Cali, 22. Juli, so gegen halb zehn in der Nacht: Sprößer und Bermúdez spazieren durch einen Park. Es regnet. Sie setzen sich unter einen Baum. Dort mit ihm allein sein zu können, das war der schönste Moment ihres Lebens, erzählt Sprößer. „Ich habe die Welt um mich herum vergessen.“ Sie sieht nur Bermúdez – und nicht den Mann mit der Waffe. Bermúdez sitzt mit dem Rücken zum Attentäter. 13 Kugeln treffen ihn, eine ins Herz, drei in den Kopf. „Im ersten Moment wollte ich aufstehen und den Angreifer aufhalten. Ich habe immer zu Jhoan gesagt, dass ich ihn beschützen werde“, erinnert sich Sprößer. Aber sie wusste, dass sie den Attentäter nicht aufhalten kann. „Ich versuchte am Leben zu bleiben, denn nur so hatte ich eine Chance, ihn zu retten.“ Sie reißt ihren Rucksack vor sich. Zwei Kugeln streifen ihren Arm, vier bleiben im Rucksack stecken. Sprößer spürt die Einschläge auf der Brust.

Nation Kolumbien
Kontinent Südamerika
Fläche 1.138.910 km²
Bevölkerung 50,9 Millionen

Der Schütze ist fort, die junge Frau nimmt ihren blutüberströmten Freund in den Arm, will die letzten Sekunden seines Lebens bei ihm sein. Doch dann merkt Sprößer, dass Bermúdez noch atmet. Er sagt zu ihr: „Bitte lass mich nicht allein.“

„Es war wie ein Wunder, dass er noch lebte. Im Krankenhaus ging es ihm zwei Tage relativ gut, er war ansprechbar“, erzählt Sprößer. Doch dann verschlechtert sich Bermúdez’ Gesundheitszustand rapide, Sprößer darf nicht länger bei ihm bleiben. Sie wird von einer Menschenrechtsorganisation an einen sicheren Ort gebracht. Drei Tage später, am 27. Juli, fährt sie dann zu einem Termin mit der Staatsanwaltschaft.

Oppositionskämpferin aus Frankfurt: Nach dem Tod ihres Freundes aus Kolumbien ausgewiesen

„Ich merkte schon, dass irgendwas nicht stimmt“, ist sie sich heute ganz sicher. Vor Fahrtantritt noch hat der deutsche Botschafter Peter Ptassek sie kontaktiert und sagt ihr, die kolumbianische Regierung habe das Recht, sie auszuweisen. Nach dem Gespräch mit der Justiz soll eine Mitarbeiterin der Menschenrechtsorganisation Sprößer zurück zu dem geheimen Aufenthaltsort fahren. Doch dann: „Sie bog in eine Straße ab und dort wartete schon die Polizei auf mich“, sagt Sprößer.

In dem Moment, als die Frankfurterin nach ihrer Verhaftung in einen Flieger gesetzt wird, stirbt Bermúdez. 26 Jahre alt. Sprößer erfährt noch im Flugzeug von seinem Tod.

Rebecca Sprößer, 34, in Kolumbien verfolgte Aktvistin der Opposition.

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Rebecca Sprößer, 34, in Kolumbien verfolgte Aktvistin der Opposition.

Frankfurterin erinnert sich nach dessen Tod an ihren Freund aus Kolumbien

Zurück in Deutschland hält sie jeden Tag Kontakt zu Bermúdez’ Angehörigen. Auch die haben Morddrohungen erhalten. „Es gibt keine Hilfe. Der Staat hilft dir nicht, die Polizei hilft dir nicht. Du kannst niemanden vertrauen. Ich weiß nicht, wie ich ihnen helfen kann. Es ist ein Alptraum.“

Vor wenigen Tagen wird Sprößer ein Video aufs Handy geschickt. Es zeigt ihren Freund im Quartier von „Puerto Resistencia“. Sprößer ist dabei und feiert mit Freunden, sie hören Musik. „Jhoan sagte, wir seien hier nicht zum Spaß: ,Geht zurück auf eure Plätze.‘ Er war hundert Prozent für die Sache da, für einen Wandel. Er sagte immer, wir seien hier, um das Land zu verändern.“ (Stefan Simon)

Erst vor Kurzem kam es zu einem Sturm auf das Kapitol von Kolumbien, bei dem die Polizei heftig mit Demonstranten zusammenstieß.

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